Drei Generationen im Garten eines Hauses beim Grillen
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Bauen | Ratgeber

Mehrgenerationenwohnen: Vorteile, Nachteile, Planung

Sandra Hermes

Sandra Hermes

Ihr wollt eurer Familie oder Freunden näher sein, euch unterstützen und dazu nicht ständig von A nach B pendeln? Mehrgenerationenwohnen heißt eine Lösung. Vom Baby bis zur Seniorin leben alle unter einem Dach. Hört sich klasse an? Ja, wenn sich die künftigen Mitbewohner einig sind und die wichtigsten Fragen möglichst schon vorab geklärt wurden.

Die mittlere Generation ist auf der Arbeit, aber für euer Kleinkind ist die Kita trotzdem schon mittags aus. Kein Problem, Oma hat gekocht und Opa hat die Kleine abgeholt. Er wechselt sich mit dem Papa ab, der jeden zweiten Tag im Homeoffice ist. An den Nicht-Kita-Tagen findet man den Senior der Familie im Garten oder er hilft dem Älteren bei den Hausaufgaben. Und die Mama? Arbeitet Vollzeit und muss sich in der Woche nur um den Abwasch kümmern. Schöne neue Welt? Nein, Mehrgenerationenwohnen.

So perfekt wie oben beschrieben wird es aber in der Regel nicht sein. Schließlich bringt jeder Mitbewohner seine eigenen Vorstellungen mit, und kerngesund und einsatzbereit wird die Großelterngeneration auch nicht ewig bleiben. Wir verraten, wie das Zusammenwohnen von Jung und Alt bestmöglich gelingen kann.

Was heißt Mehrgenerationenwohnen?

Der Begriff Mehrgenerationenwohnen beschreibt ein Wohnkonzept, bei dem ihr mit drei oder mehr Generationen unter einem Dach zusammenwohnt und -lebt. Die konkrete Ausgestaltung dieser Wohnform ist sehr unterschiedlich.

Ihr könnt Mehrgenerationenwohnen als klassische Großfamilie in einem einzelnen Privathaus oder in einem aus mehreren Wohneinheiten bestehenden Mehrgenerationenhaus realisieren. Auch Mehrgenerationen-Wohnanlagen, genossenschaftliche Wohnprojekte oder Co-Housing-Communities lassen sich dazuzählen.

Gerade bei diesen Varianten zeigt sich, dass Mehrgenerationenwohnen heute nicht zwangsläufig eine Familiensache sein muss. Ihr könnt auch mit Freunden, Bekannten oder zuvor noch Fremden unterschiedlicher Generationen zusammenwohnen.

Allen Wohnformen ist aber eins gemeinsam: Mehrgenerationenwohnmodelle wollen Menschen aller Altersgruppen näher zusammenbringen und gegenseitige Unterstützung ermöglichen. Während die mittlere Generation zum Beispiel für schwere Einkäufe und Reparaturen am Haus zuständig ist, passt die Großelterngeneration regelmäßig auf die Kinder auf oder kocht für die ganze Familie. Jeder trägt das bei, was er oder sie kann. So profitiert ihr alle vom Zusammenleben.

Was ist der Unterschied zu einem Mehrgenerationenhaus?

Der Begriff Mehrgenerationenhaus hat zwei Bedeutungen. Zum einen ist damit ein privates Wohnhaus gemeint, das baulich so geplant und aufgeteilt wurde, dass es aus zwei oder mehreren separaten Wohneinheiten besteht. Die Architektur ermöglicht es Jung und Alt unter einem Dach zu leben und dennoch ihre Privatsphäre zu genießen.

Zum anderen fördert der Bund unter dem Begriff Mehrgenerationenhaus soziale Begegnungsstätten in Kommunen und Stadtteilen, die das nachbarschaftliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Alters und Herkunft fördern.

Dort geht es also nicht darum, zusammen zu wohnen, sondern um einen Ort, an dem man sich trifft, gemeinsame Zeit verbringt, zusammen isst, kocht, Hausaufgabenhilfe bekommt, Deutsch lernt, sich austauscht oder bei diversen Alltagsproblemen hilft. In Deutschland gibt es 530 dieser staatlich unterstützten Mehrgenerationenhäuser.

Mehrgenerationenwohnen: Die Vorteile

Mit den eigenen Eltern oder Großeltern, mit Geschwistern oder Freunden, oder mit noch unbekannten Menschen unterschiedlicher Generationen zusammenzuwohnen, kann für euch eine ganze Reihe von Vorteilen mit sich bringen:

Selten allein, nie einsam: Kein Mitbewohner ist mehr auf sich allein gestellt. Es gibt immer einen oder sogar mehrere Ansprechpartner. Dabei muss es nicht immer um konkrete Hilfe gehen. Das Wissen, nicht allein zu sein und jemanden nebenan zu wissen, ist für viele Menschen bereits eine Steigerung der Lebensqualität.

Pflege im Alltag möglich: Lebt eine pflegebedürftige Person mit anderen zusammen in einem Haus, kann die Pflege in den Alltag integriert werden. Lange Wege fallen weg und die Betroffenen können sich sicher und gut aufgehoben fühlen. Ein Umzug in eine Pflegeeinrichtung kann durch Mehrgenerationenwohnen deutlich verzögert werden. Neben dem menschlichen, geht es in Sachen Pflege auch um den finanziellen Aspekt. Oft ist eine Betreuung zu Hause deutlich günstiger als ein Pflegeheimplatz.

Lernen von Alt und Jung: Kinder, die mit mehreren Generationen zusammenleben, profitieren in vielfacher Hinsicht. Sie lernen nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von ihren Großeltern oder anderen Senioren in eurem Haus. Und auch umgekehrt findet ein Austausch statt. Die Älteren leben nicht isoliert von aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen, sondern erleben sie durch ihre Kinder und Enkel im eigenen Zuhause mit. Können sie noch bei den Hausaufgaben oder im Haushalt helfen, fühlen sie sich außerdem länger gebraucht und wertvoll.

Privatsphäre nicht ausgeschlossen: Auch im Mehrgenerationenwohnen gibt es für jeden Bewohner Möglichkeiten, sich zurückzuziehen. Wie gut euch das gelingt, ist auch von den räumlichen Gegebenheiten abhängig. Am einfachsten könnt ihr euer Bedürfnis nach Privatsphäre und Unabhängigkeit befriedigen, wenn ihr in einem Mehrgenerationenhaus lebt, in dem die Wohneinheiten getrennt sind oder es eine Einliegerwohnung gibt. Andere finden Rückzugsmöglichkeiten in ihren privaten Zimmern.

Neue Sozialkontakte: Selbst wenn es "nur" um die Familie geht, werdet ihr die Personen in einem generationenübergreifenden Wohnkonzept noch einmal ganz neu kennenlernen. Es ist einfach ein Unterschied, ob ihr die Oma nur zum Kaffee trinken besucht oder den Alltag mit ihr teilt.

Entlastung der mittleren Generation: Solange die älteren Mitbewohner nicht pflegebedürftig sind, entlastet das Mehrgenerationenwohnen besonders die Elterngeneration. Der Babysitter wohnt quasi im Haus. Unerwartete Termine, Überstunden im Büro oder ein Abendessen zu zweit? Kein Problem, wenn Opa die Kinder betreut.

Mehrgenerationenwohnen: Die Nachteile

Wow, so viele Vorteile. Hat Mehrgenerationenwohnen auch negative Seiten? Aber sicher. Und es ist ganz wichtig, dass ihr euch die Herausforderungen dieses Wohnkonzepts klarmacht. Schließlich ist das Zusammenziehen mehrerer Generationen oft ein Schritt, den ihr nicht mehr so leicht rückgängig machen werdet.

Aufbrechen von Konflikten: Ziehen Familienmitglieder oder andere Menschen unterschiedlicher Generationen unter ein Dach, kann es auch mal knallen. Selbst dann, wenn ihr eigentlich dachtet, dass sich alle gut verstehen. Plötzlich nicht mehr nur Smalltalk und Familientratsch auszutauschen, sondern über den Speiseplan, finanzielle Fragen, den Umbau des Badezimmers oder die Frequenz der Badreinigung zu diskutieren, birgt für viele unerwarteten Zündstoff.

Zu wenig Ruhe: Nie einsam zu sein, bedeutet auf der anderen Seite, dass jeder zugunsten der Gemeinschaftszeit auch etwas von seiner Privatsphäre opfert. Für viele ist das genau das, was sie wollen und genießen. Andere leiden darunter, sich nicht genug abgrenzen zu können oder einfach mal Ruhe zu haben. Gerade Senioren, die zuvor allein gelebt haben, sind überrascht, wie viel Lärm der Familienalltag mit kleinen Kindern machen kann.

Belastung der mittleren Generation: Mehrgenerationenwohnen kann auch zu einer großen Belastung der Elterngeneration führen. Werden ein oder sogar mehrere Personen pflegebedürftig und sind zusätzlich noch kleine Kinder zu betreuen, wird das Zusammenleben zum Kraftakt. Macht euch klar: Auch im Mehrgenerationenwohnen kommt ihr oft an einen Punkt, an dem ihr zusätzliche Hilfe von außen braucht.

Überforderung der älteren Generation: Die Oma hat zugestimmt, zweimal in der Woche zu kochen, der Opa will die Enkelin täglich von der Kita abholen. Doch nach einiger Zeit wird die Aufgabe vielleicht zur Belastung. Die Senioren fühlen sich überfordert, trauen sich aber aus Pflichtgefühl und Verantwortung gegenüber der Familie nicht, die Situation anzusprechen. Auch diese Herausforderung kann nur durch ehrliche Kommunikation gemeistert werden.

Checkliste: So kann das Mehrgenerationenwohnen gelingen

Mit der Großfamilie, Freunden oder Bekannten zusammenzuziehen ist eine Entscheidung mit Tragweite. Gut, wenn sich alle Beteiligten vorab klar sind, worauf sie sich einlassen. Die Fragen in unserer Checkliste helfen euch:

  • Will ich für mich sein oder liebe ich den Trubel und die Geselligkeit?
  • Gibt es die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, wenn es zu viel wird?
  • Bin ich gerne mit Kindern zusammen / Bin ich gerne mit älteren Menschen zusammen?
  • Mit wem werde ich zusammenwohnen?
  • Gibt es eine Person, mit der ich vermutlich weniger gut klarkomme und könnte ich mich dennoch mit ihr arrangieren?
  • Wo werden wir zusammen leben? Gibt es bereits ein Haus, in das alle passen? Soll neu gebaut werden oder ziehen wir in eine Mehrgenerationenwohnanlage?
  • Wer zahlt welchen Anteil an den Wohn- und Lebenshaltungskosten? Welche Kosten kommen auf mich zu?
  • Worauf müsste ich verzichten, wenn ich umziehe oder jemanden bei mir einziehen lasse?
  • Welche Vorteile hat das Mehrgenerationenwohnen für mich persönlich?
  • Welche Nachteile fürchte ich?
  • Wie kann ich mich in der Gemeinschaft einbringen?
  • Welche Aufgaben kann ich nicht übernehmen?

Habt ihr diese Fragen für euch persönlich geklärt, ist es wichtig, dass sich alle künftigen Mitbewohner zusammensetzen. Versucht, auch kritische oder emotional besetzte Fragen anzusprechen und herauszufinden, welche Erwartungen jeder mit dem Wohnkonzept verknüpft.

Unser Tipp: Mietet euch ein Ferienhaus und verbringt dort zwei Wochen gemeinsam. So habt ihr nicht nur viel Zeit zum Planen und Diskutieren, sondern stolpert im Ferienhausalltag auch automatisch über Situationen, wie sie auch entstehen werden, wenn ihr zusammen wohnt.

Wie verteilen sich Aufgaben und Kosten beim Mehrgenerationenwohnen?

War die Probezeit erfolgreich, könnt ihr gemeinsam in die konkretere Planung einsteigen. Dazu gehören auch die Finanzen. Das müsst ihr klären:

Die wichtigsten Fragen zu den Kosten

  • Wer zahlt welchen Anteil, wenn ein Neubau geplant ist?
  • Wem gehört das Haus / die Wohnung? An wen geht der Besitz im Falle einer Trennung oder eines Todesfalls über?
  • Ist es sinnvoll, bei einer bestehenden Immobilie über eine Schenkung nachzudenken, etwa um Erbschaftssteuern zu sparen?
  • Wer zahlt wie viel, wenn ihr ein Objekt mietet?
  • Wer wird als Mieter eingetragen?
  • Wird die Belastung anteilig zum Einkommen gestaffelt oder richten sich die Kosten nach der Größe der privat genutzten Quadratmeter?
  • Wer kommt zu welchen Teilen für Nebenkosten, Reparaturen und Lebensmittel auf?
  • Wer zahlt notwendige Umbauarbeiten (zum Beispiel ein barrierefreies Badezimmer?)
  • Gibt es ein gemeinsam genutztes Auto? Falls ja, wer trägt welche Kosten?

Die wichtigsten Fragen zu den Aufgaben und Absprachen:

  • Wer übernimmt welche Aufgaben im Haushalt (Kochen, Putzen, Garten und Kinderbetreuung)?
  • Wer hat die Finanzen im Blick?
  • Ist die Aufgabenverteilung konstant oder wechseln die Zuständigkeiten regelmäßig?
  • Wie wird die Privatsphäre der Mitbewohner respektiert (zum Beispiel geschlossene Tür oder Türschild als Zeichen, dass man allein sein möchte, feste Zeiten, die für eine Auszeit oder den Mittagsschlaf genutzt werden und für alle anderen tabu sind et cetera)
  • Welche Verabredungen gibt es für die Zukunft? Ist die Pflege von Senioren Teil des Gemeinschaftskonzepts oder gibt es Bewohner, die sich das nicht vorstellen können oder die hier im Vorfeld klare Grenzen formulieren?

Ist Mehrgenerationenwohnen immer planbar?

Ihr seht, es gibt viel zu besprechen. Und das ist von allen der wichtigste Punkt beim Thema Mehrgenerationenwohnen: Kommunikation! Bleibt auch nach dem Einzug immer im Gespräch und versucht, alle Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Nur so wird das Zusammenleben von Jung und Alt unter einem Dach gelingen.

Aber: Ihr wisst ja, das Leben ist das, was passiert, während man versucht, es zu planen. Natürlich ist der Idealfall, dass sich alle an einen Tisch setzen und über das Projekt Mehrgenerationenwohnen im Vorfeld diskutieren. Besonders dann, wenn Menschen zusammenziehen wollen, die sich noch nicht kennen. Viel häufiger aber passiert das Mehrgenerationenwohnen einfach, weil eine akute Notwendigkeit entsteht.

Die Oma stirbt und der Opa kann sich nicht allein versorgen und vergräbt sich in seiner Trauer. Die Tochter holt ihn für einige Wochen in ihr Haus und kümmert sich um ihren Vater. Die Enkel finden es toll, dass Opa nun bei ihnen wohnt, und Opa hilft der Trubel, um über seinen Verlust hinwegzukommen. Aus der Zwischen- wird dann nicht selten eine Dauerlösung. Aber auch jetzt ist Reden wichtig. Sollen alle mit der neuen Konstellation zufrieden sein, müssen die Fragen des Zusammenlebens geklärt werden.

Wo liegen die Sparpotentiale beim Mehrgenerationenwohnen?

Steuern: Ihr plant ein Haus mit einer Einliegerwohnung für eure Eltern oder ein Mehrgenerationenhaus? Das kann sich für euch als Hausbesitzer steuerlich lohnen. Einen Teil der Anschaffungs- und Instandhaltungskosten könnt ihr absetzen. Allerdings muss dazu ein ordentliches Mietverhältnis bestehen.

Ressourcen: Beim Mehrgenerationenwohnen verbraucht jeder Bewohner anteilig weniger Ressourcen, als wenn jede Generation in der eigenen Immobilie wohnt. Das gilt besonders für die Energiekosten. Auch die gemeinsame Nutzung von Fahrzeugen, die Anschaffung einer neuen Wachmaschine oder gemeinsames Kochen helfen, Ressourcen und damit auch Kosten zu sparen.

Förderung und staatliche Leistungen: Wenn ihr die künftige Pflege eines älteren Mitbewohners schon mitdenkt, ist es wichtig, die baulichen Gegebenheiten kritisch unter die Lupe zu nehmen. Ist es möglich, das Haus barrierefrei umzubauen? Falls ja, macht euch rechtzeitig über Fördermöglichkeiten schlau. Die KfW vergibt zum Beispiel günstige Kredite, um einen barrierefreien Umbau von Wohnraum zu unterstützen. Liegt bereits ein Pflegegrad vor, bekommt ihr auch von der Pflegekasse einen finanziellen Zuschuss.

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