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Wohnen | Ratgeber

Co-Housing: Die Wohnform der Zukunft?

Sandra Hermes

Sandra Hermes

Das Motto "lieber gemeinsam als einsam" fasst den Gedanken des Co-Housing gut zusammen. Private Wohneinheiten werden durch Gemeinschaftseinrichtungen ergänzt und können so Platz, Kosten und Ressourcen sparen.

Gemeinsam kochen, eine Kinderbetreuung organisieren, ein Auto teilen oder Gemüse anbauen. Was zusammen gemacht wird, entscheiden die Bewohner. Und wem gerade nicht nach Gesellschaft ist, der zieht sich in seine Wohnung oder sein Haus zurück. Perfekte Kombination, finden immer mehr Interessierte. Die alternative Wohnform Co-Housing boomt zwar, die Initiatoren müssen aber vor dem Einzug oft zahlreicher Steine aus dem Weg räumen.

Was ist eigentlich Co-Housing?

Co-Housing (collaborative housing) ist eine Variante des innovativen Wohnens. Eine Co-Housing-Community besteht aus mehreren privaten Wohnungen oder Häusern, die durch Gemeinschaftseinrichtungen ergänzt werden. Diese spielen schon in der gemeinsamen Planung eine zentrale Rolle. Sie sollen den Austausch und das soziale Miteinander der Bewohner fördern, einen Beitrag zur Nachhaltigkeit (weniger Ressourcenverbrauch) leisten und ökonomische Vorteile bieten.

Dazu gehören eine große Gemeinschaftsküche, in der regelmäßig für alle gekocht wird, ein Speisesaal und ein Garten oder die Dachterrasse. Je nach Gemeinschaft und ihren Zielen, können sie aber auch vielfältiger sein. Einige Co-Housing-Siedlungen verfügen auch über gemeinsame Werkstätten, Kinderbetreuung, Obst- und Gemüseanbau, Nutztiere, eine Wäscherei, Büroräume, eine Bibliothek und einen Fuhrpark.

Co-Housing-Gemeinschaften legen Wert auf eine gute Balance zwischen Gemeinschaftsgefühl und persönlichen Rückzugsmöglichkeiten. Es bleibt jedem Bewohner selbst überlassen, wie oft und wie intensiv er an den sozialen Aktivitäten teilnimmt und welche Gemeinschaftseinrichtungen er nutzt. Die Regeln des Zusammenlebens handelt jede Community selbst aus.

Co-Housing-Siedlungen sind meist integrativ und heißen alle Menschen willkommen. Die Mischung aus Jung und Alt, Familien und Singles oder Alleinerziehenden, Menschen unterschiedlicher Herkunft, Beruf und Religion machen Co-Housing-Communitys häufig zu einem diversen, weltoffenen Dorf, in dem keiner allein und jeder wichtig ist.

Die Gemeinschaften verwalten sich selbst und sind in der Regel nicht-hierarchisch organisiert. Zentrale Aufgaben werden an einzelne Bewohner übertragen. Wichtige Entscheidungen fällen die Bewohner gemeinsam. Die einzelnen Haushalte bleiben finanziell eigenständig.

Co-Housing kommt ursprünglich aus Skandinavien

Co-Housing-Projekte können sowohl in der Stadt als auch auf dem Land entstehen. Ursprünglich wurde die Idee in den frühen 1970er Jahren in Dänemark geboren, von wo sie in den 1980er Jahren in die USA importiert wurde. In den vergangenen Jahren sind auch in Europa viele neue Siedlungen entstanden. Skandinavien, die Niederlande und Belgien sind Vorreiter der Co-Housing-Bewegung. Aber auch in Deutschland wächst die Zahl der Projekte stetig.

Aufgrund der Vielzahl sehr unterschiedlicher Siedlungen, die sich selbst als Co-Housing-Siedlung einstufen, ist eine trennscharfe Definition des Begriffs nicht möglich.

Diese vier Punkte haben die Mehrzahl der Projekte gemeinsam:

  1. Die künftigen Bewohner planen und realisieren die Co-Housing-Gemeinschaft selbst.
  2. Die Architektur soll soziale Kontakte ermöglichen und fördern.
  3. Großzügige Gemeinschaftseinrichtungen ergänzen und erweitern die privaten Wohneinheiten im praktisch-alltäglichen Bereich und im Sinne des Gemeinwesens.
  4. Die Bewohner sind selbst für den Betrieb und Erhaltung der Siedlung verantwortlich.

Wie unterscheidet sich Co-Housing von ähnlichen Wohnformen?

Neben Co-Housing gibt es viele weitere Wohnformen, bei denen das Zusammenleben in Gemeinschaft im Fokus steht. Doch es gibt auch Unterschiede in der Ausgestaltung:

Wohnprojekte

Im Gegensatz zu Wohnprojekten haben Co-Housing-Gemeinschaften mehr Bewohner (meistens über 60) und eine dementsprechend größere Zahl und Vielfalt an Gemeinschaftseinrichtungen. Auch alltägliche Haushaltsaufgaben sollen aus den individuellen Bereichen hierher verlagert werden. Der Grund: Förderung des Gemeinsinns und die Einsparung von Ressourcen (Nahrungsmittel, Energie, Wasser, Zeit).

Wohngemeinschaften

In einer Wohngemeinschaft teilt man sich in der Regel Küche und Bad. In Co-Housing-Siedlungen hat jede Wohneinheit eigene sanitäre Einrichtungen und eine Kochmöglichkeit. Sie garantieren, dass die Gemeinschaftseinrichtungen auf freiwilliger Basis genutzt werden können und ermöglichen Privatsphäre.

Co-Living

Beim Co-Living handelt es sich oft um eine Erweiterung von Co-Working-Spaces. Anders als in Co-Housing-Gemeinschaften richten sie sich eher an junge Erwachsene und sind nicht auf ein lebenslanges gemeinsames Wohnen aller Altersgruppen ausgerichtet.

Clusterwohnungen/Micro Living

Hier teilen sich kleine Wohneinheiten (Micro-Apartments) in einem größeren Apartmenthaus pro Flur oder Etage einen oder mehrere Gemeinschaftsräume (Wohnzimmer). Anders als beim Co-Housing unterteilt sich ein Haus damit nochmal in mehrere Untergemeinschaften. Eine Co-Housing-Siedlung versteht sich aber als eine einzige große Gemeinschaft.

Menschen die gemeinsam kochen
Gemeinsames Kochen fördert nicht nur den sozialen Zusammenhalt. Man spart auch Kosten für Lebensmittel. © iStock/getty images/tempura

Welche Vorteile bietet Co-Housing?

Das Leben in einer Co-Housing-Siedlung bietet eine ganze Reihe von Chancen und Vorteilen:

Selbstorganisation

Die Gelegenheit, mitzubestimmen, wie die Gemeinschaft samt ihrer Wohneinheiten (nachhaltiges, ökologisches Bauen) künftig aussehen wird, wie sie wirtschaftet, wer einzieht und welche Regeln für ein gutes Zusammenleben gelten sollen.

Gemeinschaft

Die Chance, außerhalb von Familie und Freundeskreis mit Menschen unterschiedlicher Generationen, Herkunft und mit verschiedenen Erfahrungen und Berufen zusammenzuleben. Singles bekommen Gesellschaft, Kinderlose müssen nicht ohne Kinder leben, Einzelkinder nicht ohne Spielkameraden etc.

Unterstützung/Solidarität

Die Möglichkeit, sich gegenseitig zu helfen: Sowohl in Planung und Bau als auch im späteren Zusammenleben. Die Bewohner fragen nicht, was die Genossenschaft für sie tun kann, sondern was sie zum Gelingen des Projekts beitragen können.

Nachhaltigkeit

Der geringere Verbrauch von Fläche pro Person, die alltägliche Nutzung von Gemeinschaftseinrichtungen (Kochen, Waschen, Fuhrpark, Kinderbetreuung ecetera) und die gemeinsame Anschaffung teurer Haushaltsgeräte schont Ressourcen.

Kostenersparnisse

Rabatte aufgrund größere Auftragsvolumen für Architekten, Handwerker, günstigerer Einkauf von größeren Mengen Lebensmittel, Ersparnisse bei der gemeinsamen Nutzung von Fortbewegungsmitteln (Autos, Fahrräder, Lastenräder etc.).

Privatsphäre

Die privaten Wohneinheiten bieten jederzeit Rückzugsmöglichkeiten.

Zeitersparnis

Das gemeinschaftliche Kochen entbindet besonders Familien von der täglichen Belastung, gesundes Essen auf den Tisch zu bringen. Besser einmal im Monat mit Liebe für alle kochen als mehrmals in der Woche Pizza und Hot Dogs zu servieren.

Bezahlbarer Wohnraum

Auf gesellschaftlicher Ebene trägt Co-Housing dazu bei, günstigen Wohnraum zu sichern.

Bringt Co-Housing auch Nachteile mit sich?

Natürlich hat die Wohnform auch ihre Nachteile. Das sind die wichtigsten:

Langwieriger Planungsprozess

Bis ein Co-Housing-Projekt in die Bauphase geht, müssen eine Menge Entscheidungen gefällt werden. Je größer die Zahl der künftigen Bewohner, desto schwieriger ist es. Mittlerweile gibt es Planungsbüros, die dabei professionelle Unterstützung anbieten.

Hohe Kosten

Wie hoch die Kosten für eine Co-Housing-Siedlung sind, hängt von unzähligen Faktoren ab. Die wichtigsten sind das Grundstück, vorhandene Gebäude sowie Material- und Handwerkerleistungen. Je mehr Eigenleistung erbracht werden kann, desto günstiger wird es.

Zwang zu Kompromissen

Häuser aus Stein oder Holz, Heizen mit Pellets oder Solar, vegetarische oder vegane Küche? In einer Co-Housing-Siedlung gibt es zwangsläufig unterschiedliche Meinungen und jeder Bewohner muss mit Kompromissen leben.

Welche Kosten fallen beim Co-Housing an?

Hört sich bisher gut an für euch? Dann lasst uns über die Kosten reden. Die unterscheiden sich natürlich von Siedlung zu Siedlung. Als Beispiel zitieren wir daher die Zahlen des Co-Housing-Projekts "Wir vom Gut" in der Nähe von Düsseldorf.

Die Kosten lassen sich in drei Arten unterteilen:

  1. Ihr erwerbt vor dem Einzug Genossenschaftsanteile. Pro Quadratmeter liegen sie bei 1.000 Euro. Entscheidet ihr euch zum Beispiel für eine 65 Quadratmeter große Wohnung, liegen die Kosten also bei 65.000 Euro. Solltet ihr irgendwann wieder ausziehen wollen, erhaltet ihr das Geld zurück.
  2. Hinzu kommt die Netto-Kaltmiete (Nutzungsentgelt). Sie beträgt monatlich rund 7,50 Euro pro Quadratmeter. In unserem Beispiel wären das Kosten von 487,50 Euro.
  3. Zuletzt müsst ihr die Betriebskosten addieren. Sie werden als Umlage berechnet und liegen derzeit bei 3,30 Euro pro Quadratmeter. Das macht für 65 Quadratmeter 214,50 Euro.

Das Gute: Die Nutzung der Gemeinschaftseinrichtungen sind inklusive. Bei "Wir vom Gut" sind das zum Beispiel die Küchen, ein Spielzimmer, Co-Working-Bereiche und mehr. An anderen Co-Housing-Standorten kann die Miete aber sehr viel höher ausfallen.

Übrigens: Die KfW fördert auch die Finanzierung von Genossenschaftsanteilen. Für selbst genutzten Wohnraum vergibt sie Darlehen bis zu 50.000 Euro. In einigen Projekten (zum Beispiel in Hamburg-Barmbek) soll der Einzug von Personen, die sich die Anteile nicht leisten können über sogenannte "Solidaritätsanteile" ermöglicht werden.

Warum könnte Co-Housing das Wohnen der Zukunft werden?

Co-Housing bietet eine Reihe von Antworten auf die Fragen unserer modernen Gesellschaft. In Zeiten, in denen es immer mehr Singlehaushalte gibt und alte Menschen vereinsamen, bietet Co-Housing eine neue Form von Gemeinschaft, ohne auf Privatleben verzichten zu müssen. In einer Welt, in der der Klimawandel immer bedrohlicher wird, kann Co-Housing einen Beitrag zur Schonung von Ressourcen liefern. Im urbanen Raum helfen Co-Housing-Konzepte außerdem dabei, Platz zu sparen und das Wohnraumproblem zu entschärfen, indem möglichst viel Fläche geteilt wird und der private Rückzugsraum so etwas kleiner ausfallen kann.

Es erfordert allerdings viel private Initiative und einen politischen Willen, um partizipatives Wohnen neu zu denken. Daher wächst die Zahl der Projekte zwar, aber angesichts der vielen greifbaren Vorteile doch eher langsam.

Beschleunigen könnte die Verbreitung des Co-Housing-Gedankens mehr Professionalität. Im Netz finden sich eine Reihe von Agenturen, die Bewohner und Initiatoren zusammenbringen, über aktuelle Projekte informieren und Experten vermitteln. Zum Beispiel bei cohousing-berlin.de. Dort können auch Workshops gebucht werden und sich Kommunen informieren, die Co-Housing-Projekte gezielt fördern wollen. Andere Plattformen geben Co-Housing-Pioniergruppen konkrete Hilfestellung, wie sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen können. Zum Beispiel auf cohousing.de.

Spannende Co-Housing-Projekte in Deutschland

"Wir vom Gut" ist die erste und älteste deutsche Co-Housing-Siedlung. Die Bewohner bezogen 2016 das ehemalige Gut Mydlinghoven bei Düsseldorf. Rund 100 Personen leben dort generationenübergreifend und teilen sich 1500 Quadratmeter Gemeinschaftsfläche.

Die Gruppe Ermekeil besteht nun schon seit 2012. Einen Bauplatz für ihre gemeinschaftlichen Wohnträume hat sie bisher noch nicht gefunden. Die 30-köpfige Kerngruppe, die mittlerweile eine GmbH gegründet hat, ist weiterhin auf der Suche nach einem passenden Grundstück in Bonn oder Köln. Mitstreiter können noch hinzustoßen.

Noch mehr deutsche Co-Housing-Initiativen findest du auf bring-together.de.

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