Einfamilienhaus mit Photovoltaik-Anlage auf dem Dach
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Bauen | Pro/Contra-Liste

Solarpflicht in Hamburg: Vorbild für ganz Deutschland?

Katharina Schneider

Katharina Schneider

Hamburg hat die Solarpflicht eingeführt. Jeder Neubau muss künftig mit einer Solaranlage ausgestattet werden, ab 2025 gilt das bei Dacherneuerungen auch für Bestandsbauten. Wir erläutern euch die Vor- und Nachteile der Solardach-Pflicht.

Hamburg hat es getan: Als erstes Bundesland in Deutschland wird es dort eine Solarpflicht für alle Neubauten geben. Das hat der Hamburger Senat im Dezember beschlossen. Ab 2023 muss jeder Neubau in der Hansestadt mit einer Photovoltaik-Anlage ausgestattet werden. Auch bei Bestandsgebäuden, bei denen das Dach vollständig erneuert wird, greift die Solarpflicht ab 2025.

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Die Entscheidung des Senats erhitzt die Gemüter. Ein wichtiger Beitrag für den Klimaschutz und die Energiewende sagen die einen. Eine Gefährdung des bezahlbaren Wohnens die anderen. Aber wer hat denn nun recht? Wir haben für euch die wichtigsten Fakten gesammelt, was für und was gegen eine Solarpflicht spricht.

Was genau ist die Solardach-Pflicht?

Zunächst: Solarpflicht ist nicht gleich Solarpflicht. In Hamburg gilt sie ab 2023 zunächst für alle Neubauten – egal, ob es sich um Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser oder Gewerbebauten handelt.

Ab 2025 müssen dann auch auf Bestandsbauten Photovoltaik-Anlagen installiert werden, wenn deren Dach vollständig erneuert wird. Eine Ausnahme gibt es nur, wenn die Installation technisch unmöglich ist oder mit anderen unvermeidbaren Nutzungen konkurriert.

Außerdem sollen sich die Anlagen amortisieren. Ist das in einem Zeitraum von 20 Jahren nicht möglich, dann entfällt die Pflicht. Die Umweltbehörde gehe aber davon aus, dass sich viele Anlagen in einem deutlich kürzeren Zeitraum amortisieren und außerdem länger als 20 Jahre laufen können, heißt es von der Stadt Hamburg.

Eine Mindestgröße für die Anlagen soll es nicht geben. So soll die gewählte Anlage den wirtschaftlichen Interessen entsprechen und es soll auch möglich sein, das Dach für verschiedene Dinge zu nutzen. Die Hamburgische Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) schätzt, dass Hamburg mit der Solardach-Pflicht bis zum Jahr 2030 insgesamt 60.000 Tonnen Kohlenstoffdioxid einsparen kann.

Bisher sind es in Deutschland vor allem Kommunen, die eine Solardach-Pflicht eingeführt haben. Nun ziehen einige Bundesländer nach. Weil es überall unterschiedliche Regelungen gibt, ist eine allgemeine Definition der Pflicht nicht möglich. So gelten überall unterschiedliche Ausnahmen, teilweise gibt es die Pflicht nur für Gewerbebauten.

Wo gibt es bereits eine Solarpflicht?

Hamburg ist zwar das erste deutschen Bundesland, das eine umfassende Solarpflicht bei Neubauten einführt. Aber keinesfalls die erste deutsche Stadt.

Schon seit 2006 gibt es die Solardach-Pflicht im baden-württembergischen Waiblingen. In Tübingen besteht sie seit 2018.

Das Kabinett in Baden-Württemberg hat erst im vergangenen Mai eine Solarpflicht für alle gewerblichen Neubauten im gesamten Bundesland ab 2022 beschlossen. Auch andere Bundesländer wollen die Solardach-Pflicht einführen. So hat die Bremer Regierung bereits ein Gesetz ähnlich wie dem in Hamburg beschlossen. In Berlin ist ebenfalls eine vergleichbare Regelung auf dem Weg. Auch Bayern und Schleswig-Holstein wollen nachziehen – zunächst mit einer Solarpflicht für Nichtwohngebäude.

Nicht nur in Deutschland gibt es bereits die Solardach-Pflicht. Im US-Bundesstaat Kalifornien müssen seit dem vergangenen Jahr alle neu errichteten Wohngebäude mit einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach oder an der Fassade ausgestattet werden.

Auch in Wien wurde die Solarpflicht 2020 beschlossen. Und auf den spanischen Balearen müssen auf großen Dächern, Parkhäusern, Einkaufszentren und öffentlichen Gebäuden PV-Anlagen installiert werden. Überall da, wo eine Pflicht gilt, gibt es aber verschiedene Ausnahmen.

Im Rahmen der EEG-Novelle wurde auch über eine gesamtdeutsche Solarpflicht gesprochen. Die ist aber aktuell vom Tisch. Für Mieterstrommodelle, die schon seit einigen Jahren angeboten werden, den breiten Durchbruch aber nicht geschaffen haben, kann eine Solarpflicht förderlich sein. Denn zumindest an den Orten, wo es eine Solarpflicht für Wohngebäude gibt, muss der Eigentümer eine PV-Anlage installieren.

Was spricht für eine Solarpflicht?

Die Solardach-Pflicht hat viele Fürsprecher – und viele Argumente auf ihrer Seite.

Viel ungenutztes Potenzial

Solarenergie wird immer wichtiger. Und das nicht nur wegen des geplanten Ausstiegs aus herkömmlichen Energiequellen. Auch der Ausbau der Windenergie stockt. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts EUPD Research kann die Stromversorgung nur gesichert und die Klimaziele erreicht werden, wenn der Solarausbau in diesem Jahr verdoppelt und ab 2022 verdreifacht wird.

Groß ist das Potenzial laut einer Analyse des Ökostrom-Anbieters Lichtblick in den Städten. So werde in München, Hamburg und Düsseldorf weniger als zehn Prozent des gesamten Flächenpotenzials genutzt. Denn: Es gibt kaum PV-Anlagen auf Neubauten.

Mit einer Solardach-Pflicht kann gegengesteuert werden und die Energiewende kommt auch in der Großstadt an. In Städten sind PV-Anlagen auf den Dächern meistens der einzige Weg, einen Beitrag zur Energiewende zu leisten.

Nicht nur in Städten wird derzeit nur ein geringes Potenzial für Solarenergie genutzt. So werden auch in Nordrhein-Westfalen aktuell nur sechs Prozent der möglichen Flächen genutzt – viel zu wenig, um die Klimaschutzziele zu erreichen.

Die Zustimmung der Bürger ist da

Nicht nur Umweltverbände und Grüne wollen eine Solarpflicht – sondern offenbar auch die Bürger. 82 Prozent der Befragten befürworten laut einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstitut YouGov im Auftrag des Ökostromanbieters Lichtblick Solaranlagen auf allen Gewerbe-Neubauten. 80 Prozent unterstützen die Nutzung von Dachflächen auf Wohnungsneubauten.

Solarpflicht bei Neubau einfacher

Wer eine PV-Anlage beim Neubau gleich mitplant, spart gegenüber einer Nachrüstung Kosten und Aufwand. Denn es ist einfacher, einen Neubau auf die Solaranlage vorzubereiten. So bezieht auch ein Kostenplan die Anschaffung und Installation der Anlage direkt mit ein. Außerdem kann man das Dach und die Ausrichtung des Hauses gleich so planen, dass die PV-Anlage so effizient wie möglich arbeiten kann.

Meistens lohnt sich die PV-Anlage finanziell

Auf Immobilien-Besitzer kommen zwar zunächst höhere Kosten durch eine PV-Anlage zu. Allerdings rechnet sich die Anlage, wenn der produzierte Strom nicht nur ins Netz eingespeist sondern auch selbst genutzt wird. So können sie massiv Kosten bei Strom und Wärme sparen.

Hinzu kommt die Einspeisevergütung pro Kilowattstunde, die derzeit (Stand: Februar 2021) je nach Anlagengröße zwischen 6,13 Cent und 8,04 Cent pro Kilowattstunde liegt.

Nicht nur Eigentümer sondern auch Mieter profitieren über das Mieterstrommodell von einer PV-Anlage auf dem Dach. Denn: Bei solarem Mieterstrom entfallen viele Bestandteile des Strompreises wie Netzentgelte. So kann der Strompreis günstiger werden.

Mit welchen Kosten ihr bei einer Photovoltaik-Anlage rechnen müsst, lest ihr hier.

Was spricht gegen eine Solarpflicht?

Aber es gibt auch zahlreiche Kritiker der Pflicht, die negative Auswirkungen durch sie befürchten.

Andere Technologien geraten ins Hintertreffen

Die aktuell existierenden Gesetze schreiben explizit Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern vor. Daher befürchten einige Kritiker, dass andere Technologien ins Hintertreffen geraten könnten. Wenn der Staat jetzt auf Jahrzehnte hinaus eine Technik per Gesetz vorschreibt, hemmt er andere, möglicherweise sinnvollere Lösungen", sagt Andreas Breitner, Direktor des Verband norddeutscher Wohnungsunternehmer (VNW). "Wir wissen heute noch gar nicht, was in fünf oder zehn Jahren erfunden sein wird. Im Sinne der Umwelt muss es darum gehen, die sinnvollsten und effizientesten Klimaschutzmaßnahmen umzusetzen."

Bauen wird teurer

Unternehmerverbände und Verbände der Wohnungswirtschaft kritisieren die Pflicht zum Solarausbau. Neubauten würden teurer und Bauvorhaben dadurch gebremst, sagen Kritiker der Solarpflicht. Wenn der Bau teurer werde, dann würden auch die Mieten steigen, weil die Vermieter die Kosten auf ihre Mieter umlegen könnten.

Dabei wird allerdings außer Acht gelassen, dass die Mieter dafür von günstigerem Mieterstrom profitieren könnten.

Laut der Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) machen die Kosten für eine PV-Anlage bei einem Einfamilienhaus allerdings nur rund drei, bei einem Mehrfamilienhaus nur rund ein Prozent der Baukosten aus.

Mehr Bürokratie

Umwelt- und Klimaschutz könne man eher durch Anreize anstatt durch Zwänge schaffen, sagen außerdem Unternehmerverbände. Schon jetzt gebe es im Zuge von Bauverfahren viel Bürokratie. Aus Sicht der Wirtschaft sei eine Solarpflicht weder zielführend noch sinnvoll, sagt Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin. Eine solare Energiewende würde nicht durch den Unwillen der Gebäudeeigentümer gebremst, "sondern durch den derzeit ungeeigneten und zu komplexen Rechtsrahmen". Bauverfahren würden durch mehr Regulierung "immer unattraktiver", was sich der Staat aufgrund des Baumangels nicht leisten könne.

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