Schwangere Frau betrachte Farbmuster an einer Wand.
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Streichen in der Schwangerschaft: Renovieren kann eurem Baby schaden

Eva Dorothée Schmid

Eva Dorothée Schmid

Zwei Drittel der künftigen Eltern renovieren während der Schwangerschaft die Wohnung – insbesondere das Kinderzimmer. Was viele nicht wissen: Renovieren und Streichen in der Schwangerschaft kann dem Baby schaden.

Wenn ein Baby unterwegs ist, setzt bei den Eltern der Nestbautrieb ein. Sie streichen oder tapezieren das Zimmer, in das der Nachwuchs einziehen soll. Ein neuer Teppich wird verlegt, neue Möbel angeschafft. 60 Prozent der künftigen Eltern renovieren in der Schwangerschaft die Wohnung und hier insbesondere das Kinderzimmer. Das ist alles gut gemeint, aber Streichen und Renovieren in der Schwangerschaft kann der Gesundheit des Babys schaden. Das haben aufwendige Langzeitstudien des renommierten Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ) ergeben.

Studien: Ausdünstungen belasten die Raumluft

Jede Renovierung ist mit Ausdünstungen aus Anstrichen, Klebstoffen, Teppichen und Möbeln verbunden. Viele Farben, Lacke, Holzschutzmittel und Klebstoffe enthalten flüchtige organische Verbindungen (kurz VOC). Diese befinden sich für lange Zeit – etwa ein halbes Jahr – in der Raumluft. In frisch renovierten Wohnungen ist die Chemikalienkonzentration also höher als in unrenovierten.

Die UFZ-Studien haben ergeben, dass in 25 bis 30 Prozent der Fälle, in denen Eltern während der Schwangerschaft renovierten, die Werte der 26 flüchtigen organischen Stoffe, die üblicherweise in Wohnungen gefunden und zur Beurteilung der Raumluftqualität herangezogen werden, erheblich überschritten waren.

Renovieren in der Schwangerschaft erhöht Risiko für Allergien und Atemwegserkrankungen

Wissenschaftler vom UFZ erforschen seit über 15 Jahren den Zusammenhang zwischen Umweltfaktoren während der Schwangerschaft und dem Allergierisiko von Kindern. In umfangreichen Langzeitstudien haben sie herausgefunden, dass vom Renovieren während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt eine Gefahr für die Kinder ausgeht, an Allergien zu erkranken. Diese betreffen vor allem die Atemwege und die Haut.

Die Wissenschaftler fanden außerdem im Nabelschnurblut der Neugeborenen Hinweise dafür, dass sich bereits der längerfristige Aufenthalt von Schwangeren in frisch renovierten oder neu eingerichteten Räumen ungünstig auswirkt. Die Kinder entwickeln dann später häufiger Allergiesymptome.

Wir raten davon ab, in Wohnungen von Schwangeren Laminat, Teppichboden oder Fußbodenbelag neu zu verlegen.

Ulrich Franck, Wissenschaftler am UFZ

Besonders wenn Eltern im Babyzimmer neue Teppichböden verkleben oder andere Bodenbeläge verlegen, kann das nach den neuesten UFZ-Studien bei Säuglingen zur Zunahme von Atemwegsinfektionen führen. Das liegt daran, dass flüchtige organische Verbindungen wie Styrol oder Ethylbenzol aus neuen Fußböden ausdünsten. Schätzungen gehen von 20.000 Fällen pfeifender Atmung bei Kleinkindern aus, die man vermeiden könnte, wenn Eltern in der Schwangerschaft nicht renovieren würden.

"Wir raten daher davon ab, in Wohnungen von Schwangeren Laminat, Teppichboden oder Fußbodenbelag neu zu verlegen", sagt Ulrich Franck vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung. "Zwar sind die Konzentrationen dieser flüchtigen Chemikalien geringer, wenn kein Kleber beim Verlegen verwendet wird. Aber selbst dann reichen die Konzentrationen immer noch aus, um das Risiko der Kleinkinder, in den ersten Monaten an Atemwegsbeschwerden zu leiden, deutlich zu erhöhen."

Renovieren in der Schwangerschaft belastet Baby-Immunsystem

Das Streichen der Wände in der Schwangerschaft kann insbesondere die Gesundheit von Frühgeborenen beeinträchtigen. Die UFZ-Forscher stellten hier eine zunehmende Häufigkeit des Säuglingsekzems fest.

Dass ausgerechnet Säuglinge das höchste Risiko aufweisen, durch Umweltbelastungen Allergien zu entwickeln, hängt vermutlich mit dem zur Geburt noch nicht voll ausgebildeten Immunsystem zusammen. Ein bestimmter Typ weißer Blutzellen, die so genannten Th1-Zellen, ist bei Säuglingen nicht oder nur in geringer Zahl vorhanden, wenn sie ausdünstenden Chemikalien ausgesetzt waren. Gerade diese Zellen sind es jedoch, die einen Schutz vor allergischen Entzündungsreaktionen bilden können.

Besonders gefährdet sind Kinder, deren Eltern selbst an Allergien wie Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis leiden.

Streichen in der Schwangerschaft: Achtung Lösungsmittel

Insbesondere Lösungsmittel in Farben und Lacken können negative Auswirkungen auf das ungeborene Kind haben. Studien haben ergeben, dass Mütter, die beruflich häufiger Lösungsmitteln ausgesetzt sind, mit größerer Wahrscheinlichkeit Kinder mit Neuralrohrdefekten, Herzfehlern oder anderen Missbildungen zur Welt bringen.

Wenn ihr einmalig in der Schwangerschaft streicht, dann dürfte das Risiko für euer Kind natürlich erheblich niedriger sein, als wenn ihr beispielsweise als Malerin arbeitet. Dennoch solltet ihr auf Nummer sicher gehen und schwanger möglichst nicht Streichen. Und natürlich auch nicht Lackieren.

Und wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt, dann achtet unbedingt darauf, dass ihr lösungsmittelfreie Wandfarben und Lacke verwendet. Besser sind Farben auf Wasserbasis. Zudem solltet ihr bei der Arbeit Handschuhe tragen und ein Mundschutz ist sicher auch nicht verkehrt.

Außerdem solltet ihr den gestrichenen Raum intensiv lüften und dort als Schwangere einige Tage lang nach dem Streichen nicht schlafen. Das gilt vor allem für energieeffiziente Neubauten, in denen weniger natürlicher Luftaustausch stattfindet.

6 Tipps zur Renovierung vor und nach der Geburt

Aber was sind die Alternativen, wenn man seinem neuesten Familienmitglied ein schönes Zuhause einrichten möchte? Hier kommen sechs Tipps zur Renovierung vor und nach der Geburt.

  1. Eine gute Nachricht vorweg: Die UFZ-Wissenschaftler haben auch herausgefunden, dass Renovierungen nach der Geburt des Kindes viel geringere Auswirkungen auf Atemwegsprobleme hatten als während der Schwangerschaft. Wenn ihr also schwanger seid (oder eure Partnerin), dann solltet ihr die Renovierung der Wohnung oder den Umzug in eine frisch renovierte Wohnung lieber verschieben. Wartet damit am besten, bis das Kind etwa ein Jahr alt ist. Vor allem solltet ihr keine neuen Fußböden verlegen. Wenn sich das nicht vermeiden lässt, dann wartet damit lieber so lange wie möglich bis nach der Geburt.
  2. Legt euch gebrauchte Babymöbel zu. Da sind die schädlichen Chemikalien längst ausgedünstet. Für Wickelkommoden, Babybetten und andere nützliche Babysachen gibt es einen großen Markt. Guckt doch mal in unseren Artikel über gute Online-Shops für gebrauchte Möbel.
  3. Wenn ihr neue Kindermöbel kauft, dann schafft diese mindestens acht Wochen vor der Geburt an. Lasst sie außerdem in einem anderen, gut gelüfteten Raum ausdünsten.
  4. Bitte bedenkt auch, dass ein Neugeborenes ohnehin erst einmal kein eigenes Kinderzimmer benötigt. In den ersten Lebensmonaten sind Babys am liebsten ganz in der Nähe ihrer Eltern – sowohl tagsüber als auch nachts.
  5. Wer nun schon renoviert hat oder in die neue Wohnung ziehen muss, der muss nicht in Panik verfallen. Um etwaige Schadstoffe aus der Raumluft zu bekommen, solltet ihr in der ersten Zeit regelmäßig für einen Luftaustausch sorgen. Soll heißen: Fenster auf!
  6. Wer mit dem Gedanken spielt, sich einen Luftreiniger anzuschaffen, der sollte beachten: Für die Wirksamkeit solcher Geräte gibt es bislang zu wenig Belege. Die Innenraumlufthygiene-Kommission (IRK) des Umweltbundesamtes verweist auf Studien, die "zeigen, dass die Effekte durch die Reinigungsgeräte nicht immer vorhersagbar sind und die Luftqualität sogar verschlechtert wird oder bestenfalls gleich bleibt".

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