Tiny Houses im Tiny House Village Mehlmeisel
© Tiny House Village

Wohnen | Statement

Tiny House Village: Vom schwierigen Weg hin zu einer Gemeinschaft

Eva Dorothée Schmid

Eva Dorothée Schmid

Um das Tiny House Village in Mehlmeisel gab es zuletzt einigen Wirbel. Viele Bewohner zogen weg, das Village wurde verkauft und nun gibt es neue Regeln für alle, die dort einziehen wollen. Wir haben mit dem Gründer Philipp Sanders gesprochen über das, was schiefgelaufen ist und wie es künftig besser laufen soll.

Vor vier Jahren hat Philipp Sanders zusammen mit seiner Frau Stefanie das Tiny House Village in Mehlmeisel gegründet. Es ist immer noch Deutschlands größtes Tiny-House-Dorf und viel mehr als nur ein Stellplatz für Tiny Houses. Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, in Deutschland in einer Gemeinschaft in seinem eigenen Tiny House zu leben.

Seitdem sind dort viele Bewohner eingezogen – und auch wieder ausgezogen. Nicht alles lief so, wie sich die Gründer das vorgestellt haben. Deshalb haben sie das Tiny House Village nun verkauft – die neuen Eigentümer sind seit dem 1. Juni 13 Bewohner, die eine GmbH gegründet haben.

Wir haben mit Philipp Sanders, der inzwischen als einer der Gesellschafter in der neuen GmbH für die Website und die Medienarbeit zuständig ist, darüber gesprochen, warum sich einiges im Village geändert hat, was er rückblickend anders machen würde und was er anderen rät, die auch überlegen, ein Tiny-House-Dorf zu gründen.

Bewohner des Tiny House Villages
Die heutigen Bewohner des Tiny House Village in Mehlmeisel. Philipp Sanders (ganz links) und seine Frau Stefanie (2. von links) haben das Village 2017 gegründet. © Tiny House Village

"Wir haben uns im eigenen Dorf nicht mehr wohlgefühlt"

Wohnglück.de: Philipp, warum ist das Tiny House Village seit kurzem eine von den Bewohnern gegründete GmbH?

Philipp Sanders: Als wir das Tiny House Village gegründet haben, waren wir erst 22 und sind ziemlich naiv in die Sache gestartet. Wir haben geglaubt, dass so eine Gemeinschaft von selbst funktioniert. Wie wird beispielsweise Streitschlichtung betrieben? Solche Regeln gab es nicht, weil wir dachten, dass wir die nicht benötigen. Leider mussten wir feststellen, dass nicht alle Menschen, die hier hergekommen sind, die gleichen Ziele verfolgten.

Wir Gründer haben immer versucht, Verantwortung abzugeben, wir wollten beispielsweise einen Verein gründen, über den alles läuft, was die Projekte in der Community betrifft. Den gab es dann auch, aber er war leider nur ein paar Monate lang aktiv. Der gewählte Vorstand wurde von einigen aus der Gemeinschaft so angegangen, dass er letztendlich geschlossen zurücktrat. Also mussten wir wieder alles allein entscheiden, obwohl wir das eigentlich gar nicht wollten.

Im Sommer 2020 gab es hier eine echt schwierige Zeit. Es gab viele Gerüchte, einige wollten gehen und wir fühlten uns in unserem eigenen Dorf nicht mehr wohl. Es war auch schwer, Privatleben und das Geschäftliche zu trennen.

Wir haben erkannt, dass wir unbedingt von anderen Gemeinschaften lernen müssen, was wir vielleicht falsch gemacht haben, was wir ändern können, was der richtige Weg ist. Wir sind dann für einige Wochen in die Gemeinschaft Schloss Blumenthal gegangen. Da wurde uns direkt gesagt, dass wir eigentlich nur die Wahl haben, wegzuziehen, um als reine 'Verpächter' aufzutreten. Die andere Möglichkeit wäre, die Verantwortung auf alle Schultern zu verteilen und gemeinsam einen neuen Weg zu gehen.

Da es uns nicht um das Finanzielle ging, sondern wir in dieser Gemeinschaft leben wollten, haben wir gesagt, wir gründen gemeinsam mit den Bewohnern eine Gesellschaft, welche das Tiny House Village übernimmt.

Bewohner sind gleichzeitig Gesellschafter des Villages

Wohnglück.de: Wer künftig im Tiny House Village Mehlmeisel wohnen will, muss eine Einlage von 50.000 Euro leisten. Das ist natürlich erst mal eine ziemlich hohe Hürde für Menschen, die auch aus finanziellen Gründen in einem Tiny House leben wollen. Wäre es nicht möglich gewesen, weiter an der Pacht festzuhalten?

Philipp Sanders: Wir konnten den Platz natürlich nicht kostenlos der GmbH übergeben, da wir noch einige Kredite laufen hatten. Außerdem haben wir uns mit dem Verkauf faktisch arbeitslos gemacht und benötigten Startkapital, um uns etwas Neues aufbauen zu können.

Also haben wir ein Wertgutachten erstellen lassen und den Platz zu dem ermittelten Preis verkauft. Dann war die Frage, wie finanziert die GmbH den Kauf? Eine Vollfinanzierung wäre unter Umständen eine Möglichkeit gewesen, ist aber schwierig, weil die Banken meist wollen, dass man Eigenkapital mit einbringt. Nur in diesem Fall hätte jeder weiter Pacht bezahlen können und die GmbH hätte den Kredit davon zurückgezahlt.

Wenn man 20 Jahre lang monatlich 250 Euro Pacht zahlt, dann kommen in der Zeit 60.000 Euro zusammen. Beim Verlassen des Villages hätte man jedoch nichts davon zurückbekommen. Es gab deshalb den Wunsch der Bewohner der Gemeinschaft, das Ganze über eine Einlage zu finanzieren, die man vollständig wieder zurückbekommt, wenn man geht.

War es für die Bewohner denn so einfach, die Einlage zu finanzieren?

Die Einlage haben alle durch Eigenmittel oder Kredite aufgebracht. Die meisten zahlen den Kredit mit einer ähnlichen Summe zurück, die sie vorher als Pacht zahlten. Für die Bewohner hat sich also nicht viel geändert, nur dass sie, sollten sie irgendwann ausziehen, ihre Einlage zurückbekommen.

Ein weiterer Grund, nur noch Gesellschafter aufzunehmen, ist, dass das Commitment viel höher ist, wenn man Teil dieser GmbH ist, was ja auch mit Pflichten verbunden ist. Es ist uns ganz wichtig, dass jeder, der in Zukunft hierher kommt, ein Pflichtbewusstsein für den Platz hat.

Ohne Annäherungsprozess funktioniert keine Gemeinschaft

Wohnglück.de: Künftige Bewohner müssen sich einem Annäherungsprozess unterwerfen, der sich über ein ganzes Jahr hinzieht. Das könnte den ein oder anderen Interessenten abschrecken, der einfach nur einen Stellplatz braucht. Warum habt ihr euch dafür entschieden?

Philipp Sanders: Als wir angefangen haben, hatten wir gar keinen Bewerbungsprozess. Später gab es dann eine Woche probewohnen. Da haben wir versucht, die Leute kennenzulernen. Aber es hat sich herausgestellt, dass das nicht reicht. Die Erfahrung in anderen Gemeinschaften zeigt, dass es ohne einen solchen Annäherungsprozess nicht geht. Dort dauert er teilweise sogar noch länger.

Eigentlich wollten wir mehrere Seminare veranstalten, in denen klar wird, dass es nicht nur darum geht, einen Stellplatz zu mieten, sondern dass man Teil des Ganzen wird und es Arbeiten gibt, die einfach gemacht werden müssen. Und dann sollte es kürzere Probezeitwochen geben.

Aber aufgrund von Corona ist unklar, ob wir im Herbst überhaupt Seminare machen können. Deshalb haben wir uns erstmal an dem Annäherungsprozess von Schloss Tempelhof orientiert. Es gibt jetzt ein persönliches Kennenlernen, das war bereits. Es folgt ein Erlebnisseminar mit allen Bewohnern und zehn Interessenten. Da wollen wir herausfinden, wer zu uns passt.

Zwei bis vier Parteien, bei denen wir das Gefühl haben, dass es passt, bieten wir dann an, dass sie ein Jahr bei uns Probewohnen dürfen. Das machen wir natürlich nur bei denen, wo wir uns schon ziemlich sicher sind.

Wohnglück.de: Aber es gibt doch noch elf freie Plätze, oder?

Philipp Sanders: Ja. Aber wir haben in anderen Gemeinschaften gelernt, dass wir viel zu schnell gewachsen sind. Pro Jahr sollten nur so ein bis drei Parteien neu dazukommen, damit alle immer wieder gut zusammenwachsen können. Außerdem tritt sonst bei den Bewohnern irgendwann eine gewisse Interessentenmüdigkeit ein. Das wird zu viel, wenn man ständig neue Leute kennenlernen muss.

Manche Tiny Houses wurden schnell unbewohnbar

Wohnglück.de: Es gab ja Berichte, dass mehrere Menschen wieder aus Mehlmeisel weggezogen sind. Was waren die Gründe dafür?

Philipp Sanders: Zunächst hatten wir einige Häuser mit Baumängeln, welche leider nach kürzester Zeit nicht mehr bewohnbar waren. Meist ging es um ein Problem mit Feuchtigkeit. Das zeigt, wie wichtig es ist, ein gutes Tiny House von einem erfahrenen Hersteller zu bekommen.

Bei anderen haben wir lange die Gründe nicht verstanden. In Blumenthal wurde uns dann gesagt, dass es ganz normal für jede Gemeinschaft ist, dass es gerade am Anfang eine große Fluktuation gibt. Für uns war es kräftezehrend und sicherlich auch für alle anderen Beteiligten.

Ich kann jetzt nur sagen, dass es schade ist, dass diese Menschen hier nicht den für sie richtigen Ort gefunden haben. Für uns ist es jedoch viel wichtiger über die Menschen zu sprechen, die geblieben sind und alle gemeinsam den Kraftakt der Gründung dieser Gesellschaft gestemmt haben.

Wohnglück.de: Gab es falsche Erwartungen von Seiten der Bewohner?

Ein Problem lag vielleicht darin, dass es neben uns kaum Alternativen gab, wenn man einen Stellplatz für sein Tiny House suchte. Deshalb kamen auch Leute, die unbedingt in einem Tiny House leben wollten, aber vielleicht nicht unbedingt in einer Gemeinschaft. Deshalb sollte sich jeder Tiny-House-Fan genau überlegen, wie er wohnen möchte. Ob er nur einen Stellplatz sucht oder wirklich in einer Gemeinschaft leben will.

Wohnglück.de: Was würdest Du rückblickend anders machen, wenn Du nochmal ein Tiny House Village gründen würdest?

Philipp Sanders: Wir wollten das Village eigentlich schon 2017 zusammen mit anderen gründen. Aber wir haben damals keine Mitstreiter gefunden, da hat sich schlichtweg noch niemand für Tiny Houses interessiert.

Andererseits sieht man aber ja auch daran, dass es neben dem Tiny House Village nur wenige kleinere Projekte gibt, die bereits umgesetzt wurden, dass es unheimlich schwierig ist, alle unter einen Hut zu bringen und sich zusammen auf ein Konzept und ein Grundstück zu einigen.

Deshalb bin ich bei der Frage zwiegespalten. Ja, ich hätte es gerne anders gemacht, direkt mit einer Gesellschaft, was vielleicht einiges an Problemen vermieden hätte. Aber vielleicht wäre es dann nie so weit gekommen und wir hätten jetzt nicht das Paradies, das wir uns gerade schaffen können.

Zwei Möglichkeiten, ein funktionierendes Tiny-House-Dorf zu gründen

Wohnglück.de: Was rätst Du anderen, die eine Tiny-House-Siedlung gründen wollen?

Philipp Sanders: Ich berate im Moment einige derartige Projekte und da sage ich ganz oft, macht es nicht so, wie wir es gemacht haben. Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten, damit das funktioniert.

Wenn ihr als Bewohner wirklich als Gemeinschaft zusammen leben wollt, dann müsst ihr irgendeine Art von Gesellschaft gründen, sei es eine Genossenschaft, eine GmbH oder eine Eigentümergesellschaft. Nur dann kann man eine Gemeinschaft leben.

Wenn ihr jedoch, wie wir damals, die Flächen verpachten wollt, dann solltet ihr nicht selbst dort leben. In diesem Modell der Verpachtung kann eine gelebte Gemeinschaft meiner Meinung nach nicht funktionieren. Es ist eher ähnlich einer Reihenhaussiedlung. Da freunden sich Menschen an, machen vielleicht etwas zusammen, aber da gibt es keine wöchentlichen Treffen, gemeinsame Projekte und gemeinsame Entscheidungen. Das ist dann eher eine Nachbarschaft und richtet sich an Leute, die einfach nur einen Stellplatz für ihr Tiny House suchen. Beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile. Wichtig ist, dass Konzept und Bewohner zusammenpassen.

Wohnglück.de: Philipp, wir danken Dir für das Interview.

Ihr wollt von einer Bewohnerin des Tiny House Village lesen? Wir haben Michaela Keitel für unsere Serie Tiny Wohnglück porträtiert.

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