Teilansicht eines Gullideckels
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Modernisieren | Ratgeber

Dichtheitsprüfung der Abwasserrohre: Pflicht oder Abzocke?

Dirc Kalweit

Level: Für Einsteiger

Für die Instandhaltung seiner Abwasserleitungen ist jeder Hauseigentümer selbst verantwortlich. Aber wann? Wir klären über die gesetzlichen Regelungen auf.

Vielleicht habt ihr das auch schon erlebt: Es klingelt. Vor der Tür steht ein Mann, der sofort zur Sache kommt: Wie es denn mit mit den Abwasserrohren auf dem eigenen Grundstück stehen würde? Von wegen Dichtheit? Besorgte Miene, fragender Blick. Und dann der Hinweis auf die Gefahren und Kosten von undichten Rohren: Die Umwelt. Hohe Strafgebühren. Und schließlich sei man ja verpflichtet, alle 20 Jahre die Abwasserrohre einer Dichtheitsprüfung zu unterziehen.

Spätestens jetzt werden die meisten Hausbesitzer nervös. Wie ist das eigentlich mit den gesetzlichen Regelungen? Ist eine Dichtheitsprüfung Pflicht oder freiwillig? Welche Fristen gibt es, was kostet das alles?

Gesetzliche Regelungen für die Dichtheitsprüfung von Abwasserrohren

Zuerst einmal: Lasst euch grundsätzlich auf keine Haustürgeschäfte ein. Wenn es um die Dichtheitsprüfung geht, sind oft Panikmache und viele Halbwahrheiten im Spiel.

Das Wasserhaushaltsgesetz

Fakt ist, dass es zwei rechtliche Rahmenbedingungen gibt. Da wäre zum einen das Wasserhaushaltsgesetz (WHG). In Paragraph 60 heißt es, dass "Abwasseranlagen nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik errichtet, betrieben und unterhalten werden" müssen. Und § 61 bestimmt: Jeder, der "eine Abwasseranlage betreibt, ist verpflichtet, ihren Zustand, ihre Funktionsfähigkeit, ihre Unterhaltung und ihren Betrieb sowie Art und Menge des Abwassers und der Abwasserinhaltsstoffe selbst zu überwachen."

In der Praxis bedeutet das aber erst einmal – nichts. Denn genaue Fristen oder konkrete Vorgaben, wann und wie diese Prüfung stattfinden muss, sieht das Gesetz nicht vor.

Die DIN 1986-30

Welche Fristen müssen also bei der Überwachung von Abwasseranlagen eingehalten werden? Das regelt die DIN 1986-30, "Entwässerungsanlagen für Gebäude und Grundstücke – Instandhaltung“. Und hier kommt es dann zu den meisten Missverständnissen – oder auch bewussten Falschaussagen.

Ursprünglich sah diese DIN-Norm nämlich eine Erstprüfung vorhandener Grundleitungen bis zum 31.12.2015 vor. Diese Frist wurde gestrichen und stattdessen durch eine so genannte "Zeitspannenregelung" ersetzt. Und in eben dieser Zeitspannenregelung wird eine Prüfung der häuslichen Abwasserleitung alle 20 Jahre, bei Neuanlagen mit nachweislich durchgeführter Dichtheitsprüfung nach 30 Jahren empfohlen. Daher kommt das oft von den Haustür-Vertretern angeführte Argument "Sie müssen nach 20 Jahre ihre Abwasserkanäle prüfen lassen". Allein – es stimmt nicht.

Regelung durch Bundesländer und Kommunen

Die DIN 1986-30 ist nämlich gesetzlich nicht bindend. In der Praxis ist es schlicht und einfach so, dass die Bundesländer, teilweise sogar die Städte und Kommunen regeln, wann eine Dichtheitsprüfung zu erfolgen hat. Und da sind die Bestimmungen völlig unterschiedlich.

So sind zum Beispiel in Baden-Württemberg private, häusliche Abwasseranlagen von einer Prüfpflicht ausgenommen, wenn täglich nicht mehr als acht Kubikmeter Abwasser anfallen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern besteht für private Haushalte keine Pflicht zur Dichtheitsprüfung.

Dagegen gibt es in Schleswig-Holstein klare Vorgaben. So hat das Land festgelegt, "dass die Grundstücksentwässerungsanlagen in den Gebieten, in denen die öffentlichen Schmutz-und Mischwasserkanäle bereits jetzt saniert sind oder bis zum 31.12.2022 saniert werden, bis zum 31.12.2025 auf Dichtheit zu überprüfen sind". Wird die Sanierung erst nach dem Jahr 2022 abgeschlossen (und darauf deutet alles hin), wird eine Dichtheitsprüfung innerhalb von drei Jahren vorgeschrieben. Da bleibt für den Hausbesitzer in Schleswig-Holstein nur die Frage: Wie erfahre ich denn, wann die Sanierung "meines" öffentlichen Schmutz- und Mischwasserkanals abgeschlossen ist?

Noch komplizierter wird es, wenn das Haus in einem Wasserschutzgebiet liegt. Dann gelten in der Regel wieder ganz andere Fristen. Die sind meistens deutlich schärfer, aber auch nicht einheitlich geregelt.

Gleiches gilt bei Neubauten. Ob die Kommune auch für neue Entwässerungsanschlüsse entsprechende Dichtheitsprüfungen verlangt und wer sie ausstellen darf, das sollten Bauherren rechtzeitig klären. Am besten ist es, die geforderten Prüfungen bereits in den Bauvertrag mit aufzunehmen.

Pauschale Aussagen in Sachen Dichtheitsprüfung von Abwasserrohren sind so gut wie unmöglich. Wer auf der sicheren Seite sein will, sollte sich bei seiner Kommunal- oder Stadtverwaltung nach den örtlichen Bestimmungen erkundigen.

Mann löst Verstopfung in einem Abwasserrohr auf.
Wie oft eure Abwasserrohre überprüft werden müssen, klärt ihr am besten mit eurer Kommunalverwaltung. © Getty Images/iStockphoto

Prüfverfahren: Welche gibt es, wer darf sie vornehmen?

Unterschiedlichste Prüffristen und -intervalle, das allein sorgt schon für viel Verwirrung. Dazu kommt noch, dass auch Umfang und Nachweis der Dichtheitsprüfung überall anders geregelt ist. Auch hier wären wieder die Städte und Gemeinden der erste Ansprechpartner.

Was allerdings durch besagte DIN 1986-30 genau bestimmt wird, sind die Prüfverfahren selbst und die fachlichen Voraussetzungen dafür.

Prüfverfahren für häusliche Abwasserleitungen

  • Bestehende Anlagen
  • Außerhalb von Wasserschutzzonen
  • Optische Inspektion
  • Wasserschutzzone III
  • Optische Inspektion
  • Wasserschutzzone II
  • Dichtheitsprüfung (DR 1)

(nach DIN 1986-30 und DIN EN 1610)

  • Neu errichtete oder geänderte Anlagen
  • Neu errichtete Leitungen, Totalumbau und Entkernungen
  • Optische Inspektion und Dichtheitsprüfung (DR1)
  • Bei wesentlichen baulichen Änderungen
  • Vereinfachte Dichtheitsprüfung (DR2)
  • Bei Überbauung vorhandener Leitungen
  • Optische Inspektion

(nach DIN 1986-30 und DIN EN 1610)

  • Die optische Inspektion (TV-Inspektion) der Leitungen mit Hilfe einer Spezialkamera ist die Standardprüfung für bestehende Leitungen.
  • Bei der vereinfachten Dichtheitsprüfung (DR2) wird die Leitung vollständig mit Wasser befüllt. Sinkt der Wasserspiegel ab, wird Wasser nachgefüllt. Liegt die nachgefüllte Wassermenge innerhalb einer Toleranz, so gilt die Leitung als dicht. Die gesamte Verfahren dauert rund 15 Minuten.
  • Bei der Dichtheitsprüfung mit Wasser oder Luft (DR1) wird die Leitung mit Wasser oder Luft befüllt. Kann die Abwasserleitung den geforderten Wasserstand (normalerweise bis zur Geländeoberkante) oder den Luftdruck innerhalb einer Toleranz halten, gilt sie als dicht.

Welches Prüfverfahren auch angewandt wird, ausgeführt werden sollte es nur von sachkundigem Fachpersonal mit entsprechender technischer Ausstattung. So sieht es jedenfalls die DIN-Norm vor. Aber wer ist wirklich sachkundig?

In der Regel sollte der Klempner eures Vertrauens eine solche Sachkunde und die Geräte besitzen. Lasst euch im Zweifel vor jeder Prüfung bestätigen, dass ihr es mit einer Fachkraft zu tun habt, die für solche Arbeiten auch ausdrücklich qualifiziert ist. Und nochmal: Auf keinen Fall an der Haustür so einen (angeblichen) Service vereinbaren.

Laut der Fachzeitschrift "SBZ – Sanitär, Heizung, Klima" gehören zu einer optischen Inspektion auch die Auflistung der Schäden und eine Bewertung im ­Hinblick auf eine eventuelle Sanierung. Die Ergebnisse der Dichtheitsprüfung durch optischen Inspek­tion müssen in einem Protokoll festgehalten und den Leitungsabschnitten eindeutig zugeordnet werden.

Kamerabild bei der optischen Dichtheistsprüfung eines Kanals.
Die optische Prüfung mit Hilfe einer Kamera gehört zu den Standardverfahren bei der Dichtheitsprüfung. © Getty Images/iStockphoto

Was kostet eine Dichtheitsprüfung?

Die Kosten hängen natürlich stark von der Größe des Grundstücks und der Dauer der Prüfung ab. In der Regel müsst ihr über den Daumen mit rund 300 bis 500 Euro rechnen.

Um Zeit (und Geld) zu sparen, checkt vor dem Prüftermin schon einmal die Zugänge zur Kanalisation und macht diese gegebenenfalls zugänglich. Und sprecht doch vor der Prüfung mal mit eurem Nachbarn. Vielleicht hat er das ja auch schon längst vor, und ihr könnt einen Rabatt aushandeln. Übrigens: Die Kosten für die Dichtheitsprüfung lassen sich anteilig von der Steuer absetzen.

Was tun, wenn das Abwasserrohr undicht ist?

Erst einmal gar nichts. Um eine Sanierung kommt der Hauseigentümer zwar nicht herum, denn für die Instandhaltung ist er verantwortlich. Wie bei jeder Sanierungsaufgabe rund ums Haus heißt es aber auch hier: Mehrere Angebote einholen, vergleichen und dann erst entscheiden. Eine Sanierung kann teuer werden, muss es aber nicht zwangsläufig. Die Kosten hängen stark vom Grad der Beschädigung und den passenden Sanierungsmaßnahmen ab. Deshalb ist es so wichtig, sich mehrere unabhängige Angebote von Fachunternehmen einzuholen.

Fazit: Dichtheitsprüfung vornehmen lassen oder nicht?

Fakt ist: Für die Instandhaltung seiner Abwasserleitungen ist jeder Hauseigentümer selbst verantwortlich. Ob und wenn ja, wann das auch zwingend notwendig ist, erfahrt ihr wirklich verbindlich nur bei eurer Kommunal- oder Stadtverwaltung.

Darüber hinaus könnte es noch andere Gründe für eine Dichtheitsprüfung geben. Zum einen dient sie auch dem Werterhalt von Gebäude und Grundstück und könnte beim Verkauf ein zusätzliches Argument sein. Und wenn ihr euch gegen eventuelle Schäden an den Abwasserrohren versichern lassen wollt, verlangt die Gebäudeversicherung in der Regel vorher eine Dichtheitsprüfung.

Wirklichen Grund zum Handeln werden die meisten von euch aber nicht haben. Wenn es also demnächst bei euch klingelt und ein besorgter "Fachmann" sich nach dem Zustand eurer Abwasserrohre erkundigt – dann macht einfach die Tür zu.

Ihr wollt verhindern, das bei Starkregen das Wasser aus den Abwasserrohren in euer Haus zurückflutet? In diesem Fall ist eine Rückstauklappe der wichtigste Schutz gegen Überschwemmungen.

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