Baustelle; Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School in Bochum

Bauen | Statement

Professor erklärt: Warum mehr Baugenehmigungen nicht die Lösung sind

Albert Linner

Level: Für Alle

Die deutsche Immobilienwirtschaft fordert wieder mehr Baugenehmigungen gegen die Wohnungsknappheit. Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie, erklärt im Wohnglück-Interview, warum das der genau falsche Ansatz ist.

Weniger Baugenehmigungen – und das trotz Wohnungsknappheit.

Der zentrale Immobilienausschuss (ZIA) und der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmer (GdW) fordern nun, mehr Bauanträge zu bewilligen.

Doch hilft das wirklich, um der Wohnungsnot in Deutschland Herr zu werden? Wir haben mit Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School in Bochum, gesprochen.

Wohnglück: Herr Professor Vornholz, sind Sie der Meinung, dass mehr Baugenehmigungen ein probates Mittel gegen die Wohnungsknappheit in Deutschland sein können?
Günter Vornholz: Es wird immer versucht, einen Schuldigen zu suchen. Und wenn so wenig gebaut wird, kann man das gut auf Politik und Verwaltung schieben. Aber wenn Sie die Zahlen näher betrachten, sehen Sie, dass tausende Baugenehmigungen gar nicht umgesetzt worden sind. Wir haben in Deutschland einen massiven Bauüberhang.

Nur zwei von drei genehmigten Bauten in Städten fertiggestellt

Das müssen Sie näher erklären.
Vornholz: Der Bauüberhang, also die Zahl der nicht fertiggestellten Bauten trotz Baugenehmigung, steigt laut Statistik seit Jahren massiv. 2017 lag er bei 650.000. Dieser Bauüberhang hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. Bezieht man die ganze Bundesrepublik mit ein, werden nur 80 Prozent der genehmigten Bauten fertiggestellt. In den Städten sind es sogar nur 65 Prozent.

Woran liegt es, dass Gebäude trotz erteilter Genehmigung nicht fertiggestellt werden?
Vornholz: Ein Grund ist die Spekulation mit Baugrund. Die war in den Städten schon immer konzentrierter als auf dem Land. Dennoch hat der Bauüberhang hier stark zugenommen. Von Anfang der 90er Jahre bis zum Jahr 2005 lag das Verhältnis von fertiggestellten Bauten und Baugenehmigungen hier bei ungefähr eins zu eins. Danach sank die Quote. Erst seit einigen Jahren haben wir diese 65 Prozent. Ein zweiter wichtiger Grund sind mangelnde Baukapazitäten. Und die bedingen auch wieder, dass mit Bauland mehr spekuliert wird als noch vor einigen Jahren. Das Risiko, dass das Gebäude überhaupt fertiggestellt werden kann, ist oft zu groß. Das Handeln mit Bauland ist da einfacher.

Die pro Person genutzte Wohnfläche steigt.

Prof. Günter Vornholz

Wieso hat sich die Lage in den letzten Jahren so verändert?
Vornholz: Das liegt einmal am demographischen Wandel. Bis 2005 sind die Menschen aus den Städten weggezogen, seitdem hat die Urbanisierung zugenommen. Es gibt außerdem immer mehr Einkommen. Das hat auch dazu geführt, dass die Menschen heute auf einer größeren Fläche leben als früher. Die pro Person genutzte Wohnfläche steigt.

Und wieso kommt das Baugewerbe bei der gesteigerten Nachfrage nicht hinterher?
Vornholz: Die Nachfrage war vor einigen Jahren einfach zu gering. Das führte auch dazu, dass wenig ausgebildet wurde. Niemand hat mit dem Aufschwung, der jetzt da ist, gerechnet. Jetzt bräuchten wir die Fachkräfte, aber sie sind nicht da.

Grundsteuer statt mehr Baugenehmigungen?

Was wäre denn eine Lösung gegen die Wohnungsknappheit? Halten Sie eine Spekulationssteuer, wie sie die Stadt Hamburg erheben will, für einen richtigen Ansatz?
Vornholz: Es haben ja schon mehrere gefordert, eine Grundsteuer für baureifes Bauland zu erheben. Das könnte natürlich schon ein gutes Mittel sein, allerdings nur, wenn die Steuer hoch genug ist. Das heißt, die Kommunen müssten einen Großteil des Spekulationsgewinns abschöpfen. Und natürlich muss mehr gebaut werden. Dass das nicht passiert, liegt aber nicht an der Anzahl der ausgestellten Baugenehmigungen. Rein rechnerisch müsste es in Deutschland, wenn diese umgesetzt werden würden, keine Wohnungsknappheit geben.

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