Thermobild eines Hauses
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Brisante Studie: Energieausweise sind oft völlig fehlerhaft

Albert Linner

Aus dem Energieausweis soll eigentlich ersichtlich werden, wie energieeffizient ein Haus ist und mit welchen Energiekosten zu rechnen ist. Eine Analyse zeigt jetzt allerdings: Die Daten auf den Ausweisen und der tatsächliche Verbrauch klaffen oft drastisch auseinander.

Viele Häuser in Deutschland verbrauchen weit weniger Energie, als es in ihren Energieausweisen steht. Das geht aus einer Studie hervor, die der Bielefelder Bauphysiker Thomas Ackermann für den Eigentümerverein Haus und Grund durchgeführt hat und über die "Der Spiegel“ berichtet (Link führt zu bezahlpflichtigem Inhalt).

Für die Untersuchung hat der Wissenschaftler drei Dutzend Gebäude über zehn Jahre lang genau vermessen. Das hört sich zunächst wenig an. Doch Ackermann habe, so berichtet "Der Spiegel", bei der Auswahl der Gebäude vor allem auf Vielfalt geachtet. So analysierte er alte Villen, Einfamilienhäuser aber auch moderne Passivhäuser. Die meisten der Häuser stehen in der Nähe von Stationen des Deutschen Wetterdienstes. Davon habe sich Ackermann möglichst genaue Klimadaten versprochen. Denn die seien für die Berechnung des Energieverbrauchs genauso ausschlaggebend wie das Alter und Heizverhalten der Bewohner.

Verbrauch 173 Prozent niedriger als im Energieausweis berechnet

Das Ergebnis: "Die energetische Qualität des deutschen Baubestands ist deutlich besser als in den Energiebedarfsausweisen ausgewiesen", sagt Ackermann. Denn in allen untersuchten Häusern lag der tatsächliche Energieverbrauch unter dem Bedarf, der in den Energiebedarfsausweisen steht. Am extremsten fiel die Differenz in einem Backsteinhaus in der Nähe von Hamburg aus: Dort wurde der Energiebedarf um ganze ganze 173 Prozent höher berechnet, als der tatsächliche Energieverbrauch war.

Vor allem in modernen, sparsamen Häusern konnte Ackermann große Unterschiede zwischen in den Energieausweisen deklariertem Bedarf und tatsächlichem Verbrauch feststellen. Doch auch bei den Ausweisen von Altbauten habe es teils drastische Unterschiede gegeben.

Der Energieausweis soll zeigen, wie energieeffizient ein Gebäude ist und welche Kosten für Energie anfallen werden. Wer seine Immobilie verkaufen oder vermieten will braucht seit 2008 einen solchen Ausweis. Er ist dem Mieter oder Käufer unaufgefordert vorzulegen. Die Energieausweispflicht gilt auch für Bauherren, die eine neue Immobilie bauen oder für Eigentümer, die ein Gebäude umfassend sanieren und dabei eine energetische Gesamtbilanzierung nach der aktuellen Energieeinsparverordnung durchführen lassen wollen. Die Ausweise behalten ihre Gültigkeit für zehn Jahre und teilen Häuser in insgesamt neun unterschiedliche Kategorien von "A+" bis "H" ein.

Kategorie im Energieausweis bestimmt den Wert

Es gibt dabei Bedarfs- und Verbrauchsausweise, in denen oft unterschiedliche Ergebnissen stehen. Der Grund: Die Daten für die Berechnung werden auf unterschiedliche Arten erhoben. Denn der Verbrauchsausweis berechnet sich aus dem tatsächlichen Verbrauch und ist deshalb nur bei schon länger bestehenden Gebäuden möglich. Der Bedarfsausweis, das Dokument, das Ackermann für seine Studie betrachtet hat, wird mit Computersimulationen ausgestellt. Die lassen zum Beispiel Grundriss und Baumaterialien in die Berechnung einfließen. Die Bedarfsberechnung gilt als genauer.

Eine weitere Kennziffer für die Bedarfsberechnung: Wetterdaten. Hier wird generell auf das Wetter von Potsdam zurückgegriffen. Das führe jedoch zu enormen Verzerrungen, da das nicht den Verhältnissen in vielen anderen Teilen Deutschlands entspreche, sagt Ackermann. Eine Tatsache, die zu den von ihm ermittelten krassen Diskrepanzen zwischen Ausweis und tatsächlichem Verbrauch führt. Doch laut Ackermann sind auch andere Annahmen wie die nicht zulängliche Erfassung von Wärmebrücken oder das Nutzerverhalten für die Berechnung unzulänglich erfasst. All das führe zu den drastischen Unterschieden.

Diese Unterschiede haben für Eigentümer, die ihre Immobilie verkaufen wollen, Folgen. Denn der Energieausweis entscheidet, in welche Kategorie ein Haus fällt – und damit auch, welchen Wert es hat. "Je schlechter die Kategorie, desto geringer der Wert des Hauses beim Verkauf", sagt Ackermann. Auch für Eigentümer, die ihre Gebäude mit dem Hinblick auf mehr Energieeffizienz sanieren, hat das Folgen. Denn die wunderten sich oft, dass die Energiekosten danach nicht so stark sinken wie angenommen. "Die Energiebedarfsberechnungen, die den Sanierungen zugrunde liegen, haben häufig nichts mit der Realität zu tun."

Viele Stellen dürfen die Ausweise ausstellen

Der Bauphysiker sieht seine Ergebnisse nicht nur als schlechte Nachricht für Hausbesitzer. Auch die Politik bewirke mit ihren staatlich geförderte Sanierungsprogrammen vielleicht nicht so viel für den Klimaschutz wie erhofft. Diese Regelungen würden "möglicherweise wirkungslos bleiben", sagt er dem "Spiegel".

Ackermanns Untersuchung ist nicht die erste, die Kritik an den Energiebedarfsausweisen und der aktuellen Vermessungsmehthode übt. Eine Analyse des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) aus dem Jahr 2011 ergab, dass die Ergebnisse für dasselbe Gebäude oft stark voneinander abweichen – je nachdem, wer die Energieeffizienz berechnet. Das Resümee der Experten war schon damals: "Der eigentlich als hochwertiger geltende Bedarfsausweis hat in der Praxis eine unzureichende Zuverlässigkeit".

Denn, ein weiteres Problem der Energieausweise: Es gibt viele Stellen, die zur Ausstellung berechtigt sind. So dürfen zum Beispiel Handwerksmeister, Architekten, Bauingenieure, Innenarchitekten oder auch staatlich anerkannte Techniker ein solches Dokument unterschreiben. Das kann, so die Befürchtung von Eigentümern, dazu führen, dass die Ausstellenden eine eigene Agenda verfolgen. So könnte ein ausstellungsberechtigter Dachdecker zum Beispiel dem Hausbesitzer zu einem neuen Dach raten und damit eine bessere Kategorie im Energieausweis versprechen. Auch wenn ein neues Dach für die Energieeffizienz des Gebäudes gar nicht notwendig ist. Deshalb fordern Eigentümervertreter teilweise, den Energieausweis für Bestandsgebäude abzuschaffen.

Ackermann hingegen spricht sich für eine Überprüfung und Erneuerung der Berechnungsparameter aus. Dann könnten der berechnete Bedarf auf dem Ausweis und der tatsächliche Verbrauch künftig weit näher zusammenliegen.

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