Umbau | Ausbau

Haus 107: das Projekt

Vom Krankenhaus-Areal zum Wohngebiet. Die Vorgeschichte unseres Umbau-Projektes zeigt, wie sich die Zeiten ändern - und daraus neue Chancen für modernes Wohnen in altem Ambiente entstehen

Foto: Herbert Ohge

Ochsenzoll heißt eine Gegend ganz im Norden von Hamburg, direkt an der Grenze zu Schleswig-Holstein. Ochsenzoll deshalb, weil hier bis ins 19. Jahrhundert hinein die holsteinischen Bauern auf dem Weg zu den Hamburger Märkten und zum Schlachthof für ihre Ochsen und Fuhrwerke eine Maut entrichten mussten.
1893 beschloss die Stadt Hamburg, in der zu jenen Zeiten noch ländlichen Region eine „Landwirtschaftliche Kolonie für Geisteskranke“ zu errichten. Für damalige Verhältnisse eine enorm fortschrittliche Institution: Die Pa­tien­ten wurden nicht länger in städtischen Anstalten kaserniert, sondern konnten beschützt in grüner Umgebung leben und – sofern möglich – auch einer Beschäftigung nachgehen.

Wohngebiet mit strengen Auflagen
Auf dem weitläufigen Areal entstand in den folgenden 20 Jahren eine Anlage mit Behandlungs- und ­Bettenhäusern, ­Gemeinschaftszentrum (zugleich Festsaal und Kirche), Wasserturm, Feuerwache, Arztvillen, Wäscherei, Wirtschaftsgebäuden und Werkstätten, Ställen für Pferde und Kühe, Koppeln und Gemüsegärten.

Moderne Kliniken wachsen heute eher in die Höhe als in die Breite, und so hat sich im Zuge der Privatisierung der meisten Hamburger Krankenhäuser vor einigen Jahren auch Ochsenzoll drastisch verändert. Nur noch ein kleiner Teil des Areals gehört heute noch zum Krankenhaus. Den größeren deklarierte die Stadt als neues Wohngebiet. Allerdings unter strengen Voraussetzungen: Alle historischen Gebäude stehen unter Denkmalschutz, der Parkcharakter mit seinem alten Baumbestand und den riesigen Rhododendren bleibt bestmöglichst erhalten, die neuen Gebäude bilden einen architektonischen Kontrast zu den alten. Der „Oxpark“ sollte zum Vorzeigeobjekt gelungener Umnutzung und moderner Stadtentwicklung werden.

So weit die Vorgeschichte.

Bemerkenswert gute Substanz
Claudia und Sven Rückert konnten ihr Glück kaum fassen, als sie im Februar 2013 erfuhren, dass sie unter Dutzenden von Bewerbern den Zuschlag für Haus 107 erhalten hatten. Das vor über 100 Jahren als „Haus der Melker“ errichtete Gebäude ist eines der wenigen Einzelhäuser in Ochsenzoll, nicht so mondän wie die Chefarztvillen, aber ein schmuckes Häuschen, ruhig gelegen am Rand des Areals, direkt neben dem Wasserturm, circa 145 Quadratmeter Wohnfläche, über 600 Quadratmeter Grundstück, Südwestlage, Erdgeschoss, Dachgeschoss, ein Teil unterkellert.

Einziger Wermutstropfen im Kaufvertrag: Die Rückerts durften mit den Umbauarbeiten erst nach Fertigstellung der Tiefgarage des benachbarten Neubaus beginnen. Und das zog sich über drei Jahre hin.
Im Mai 2016 konnte die Restaurierung von Haus 107 dann endlich losgehen. Obwohl das Haus mit seinen undichten Fenstern über Jahre unbeheizt leer stand, war die Substanz in einem bemerkenswert guten Zustand. Der Dachstuhl war einwandfrei, das Dach dicht, Wände und Keller trocken.

Schöner als in der Planung
Ein weiterer Glücksfall für die Rü­ckerts war ihr Freund Thomas Röder. Seit 30 Jahren plant und organisiert er im Großraum Hamburg Restaurierungen und Umbauten, verfügt über ein Portfolio zuverlässiger Handwerker und Spezialisten. Bei Haus 107 gerät der sonst so bodenständige Bauleiter ins Schwärmen: „Ich habe selten erlebt, dass ein Haus so dankbar auf eine Restaurierung reagiert. Jede Baumaßnahme wurde belohnt. Am Ende war alles noch viel schöner, als wir es uns bei der Planung vorgestellt hatten.“

Auch die Zusammenarbeit mit der Behörde für Denkmalschutz klappte problemlos. „Das war überhaupt kein bürokratischer Hürdenlauf, sondern eine supernette und fruchtbare Zusammenarbeit“, erinnert sich Claudia Rückert. „Dass wir die alten Fenster und Türen nicht austauschen durften, sondern aufarbeiten mussten, hatte uns anfangs Sorgen bereitet. Im Nachhinein sind wir heilfroh. Sie verleihen dem Haus enorm viel Charme.“

Einzug im März 2017
Natürlich gab es während der rund zehnmonatigen Bauzeit auch Tage, an denen etwas schiefging, mehr Zeit und Geld kostete als geplant, Frust und Freude sich abwechselten. „Aber im Endeffekt hat es richtig Spaß gemacht. Jetzt, wo alles fertig ist, fehlt mir richtig was“, resümiert Claudia Rückert.
Unterm Strich haben die Rückerts rund 520.000 Euro für ihr Schmuckkästchen ausgegeben. Ziemlich genau die Hälfte davon für Kaufpreis, Notar, Grunderwerbsteuer, Gutachten und Zuleitungen für Wasser, Strom, Telefon und Fernwärme, die andere Hälfte für Material, Ausstattung, Außenanlagen, Handwerker und Bauleitung.

Im März 2017 war Einzug. Der Rasen ist gesät und spriest auch schon recht ordentlich, im Frühsommer wird noch rund um das Grundstück eine Buchenhecke gepflanzt. Zur perfekten Idylle fehlen dann nur noch schönes Wetter und ein Grill auf der Terrasse. 

Haus 107

Ansichten

Februar 2013: ­Obwohl Haus 107 mit ­seinen undichten Fenstern über Jahre unbeheizt leer stand, war die Substanz in einem bemerkenswert guten Zustand. Anhand eines 100 Jahre alten Fotos und eines Gutachtens hatte das Amt für Denkmalschutz festgestellt, dass das Giebelfenster ursprünglich nur eine Sprosse hatte und das Fachwerk auch nicht weiß, sondern rötlich-braun gestrichen war. Jetzt hat es wieder sein Originalaussehen. Die ehemalige Eingangstür führt jetzt zur Terrasse, der neue Eingang wurde auf die Nordseite des Hauses verlegt

Fotos: Herbert Ohge

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Daten & Fakten

Planung & Bauleitung: Thomas Röder, Reinbek bei Hamburg
Küche: Ikea, geplant von Birgit Knutzen, www.birgitknutzen.de
Bad und Gäste-WC: Elements, www.elements-show.de
Umbauzeit: 10 Monate, Mai 2016 bis März 2017
Baukosten: Komplettsanierung inklusive neuer Haustechnik ca. 1.900 € je m2 Wohnfläche
Wohnfläche: ca. 145 m2
Heizung: Fernwärme

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