Haus umbauen: Von der Kaserne zur Wohnhalle
Umbau | Ausbau

Haus umbauen: Von der Kaserne zur Wohnhalle

Weil ihnen die Stadt zu eng wurde, fuhr ein Berliner Paar über das Brandenburger Land und suchte einen Ort zum Durchatmen. Gefunden haben die beiden eine Schnitterkaserne, gebaut im Jahr 1913

Bauherr und -herrin: Andrea Müller, Paul Röhling Foto: Jacqueline Homberg

25 Quadratmeter Glas statt engen Stuben

Die Bauherrin empfängt uns im meerblauen Sommerkleid und in Gummistiefeln. Das Gras ist noch feucht am frühen Morgen und die Wiese rund um die alte Schnitterkaserne riesig. Wir sind 50 Kilometer von Berlin aus nach Hoppenrade ins Havelland gefahren, um eine ehemalige Unterkunft für Erntehelfer zu porträtieren.

Anfang des letzten Jahrhunderts wohnten hier zur Erntezeit Wanderarbeiter in engen Stuben mit kleinen Fenstern. Heute belichten 25 Quadratmeter Glas eine Wohnhalle bis unter das Dach. Andrea Müller, die ihre Gummistiefel in der Sommerküche abstellt, hat diesen Raum zusammen mit ihrem Mann Paul Röhling geschaffen. Das Paar, sie Architektin, er Bauingenieur, hat bei diesem Projekt für sich selbst geplant. „Eine tolle Erfahrung! Wir konnten hier experimentieren und Ungewöhnliches probieren“, erzählt sie. Und an manchem Abend wurde diskutiert – naheliegend, wenn die Partner beide vom Fach sind.

Das alte Gemäuer wurde in seiner Mitte aufgebrochen und entkernt. Foto: Jacqueline Homberg

Es entstand eine groß­flächig belichtete ­Wohnhalle im Zentrum des ­neuen Grundrisses Foto: Jacqueline Homberg

Großraum statt Kleinteiligkeit

Das Haus war im Lauf eines Jahrhunderts mehrfach umgebaut worden. Als Andrea und Paul das Anwesen kauften, waren die drei Wohnungen des ursprünglichen Grundrisses schon miteinander verbunden, aber in ihrer Kleinteiligkeit belassen worden. Die Planer haben im Mittelteil des Gebäudes die Decke herausgenommen, die darunterliegende Wohneinheit zurückgebaut und einen Großraum gewonnen, der zu seiner Linken die Rückzugsbereiche und zu seiner Rechten die Funktionsräume erschließt.

Hier gibt es eine Sommerküche zum „Schnapsbrennen und dem Hasen das Fell über die Ohren ziehen“, erzählt die Architektin und erinnert sich dabei an ihre Kindheit auf dem Land im Thüringischen, wo das Elternhaus solch eine zweite Küche besaß. Dahinter liegt die Werkstatt für all das, was der Haus- und-Hof-Besitz so an kleinen Reparatur- und Bauarbeiten mit sich bringt. Außerdem ist der Heizraum in diesem Teil des Gebäudes, dem Ostflügel, untergebracht.

Ein Ofen als Wohn-Mittelpunkt

Den privaten Bereich mit Schlaf- und Badezimmer haben die Bauherren im Trakt gegenüber platziert. Über einen Flur mit Treppenhaus gelangt man von hier aus in das Dachgeschoss. Der Luftraum über der Wohnhalle trennt das Dachgeschoss strikt in zwei Teile, die jeweils über einen eigenen Treppenaufgang verfügen und die mit je einer Galerie dem Wohnraum zugehören.

„Das Herzstück unseres Hauses ist der Ofen in der Mitte der Wohn­halle. Ein Grundofen, den der Ofensetzer nach unseren Maßen gebaut hat. In diesen zentralen Block um den Schornstein haben wir auch den Herd integriert“, erzählt Andrea Müller. „Alles, was Geborgenheit und Wärme erzeugt, sitzt in der Raummitte.“ Drumherum findet das Wohnen statt. Die große Tafel für Familie und Freunde steht vor einem stattlichen Landschaftsbild. Nein, dieser Raum braucht keine Bilder! Das, was der Wechsel von Witterung und Jahreszeiten hinter der großen Glasfläche täglich bietet, ist Attraktion genug.

Auch in der Flucht gut zu sehen: Die Glasfront ... Foto: Jacqueline Homberg

... macht das Gebäude zum offen Wohnhaus Foto: Jacqueline Homberg

Eigener Landhaus-Stil: das geflieste Bad Foto: Jacqueline Homberg

Eigenständigkeit: "Alles ist, was es ist"

Alle verwendeten Materialien sollten ihren ursprünglichen Charakter behalten und wurden so wenig wie möglich verändert. Das Metall der Brüs­tungsgeländer an den Galerien blieb unbehandelt. Die Abdeckplatte für den Grundofen und die Arbeitsplatte der Küchenzeile haben die Bauherren aus Beton gegossen und die schalungsglatte Oberfläche nur gewachst. Der Lehmputz an den Wänden ist unregelmäßig. „Alles ist, was es ist“, erklärt die Architektin. Die Welt hier draußen – fern vom Hauptstadtrummel – zu gestalten und zu erkunden ist für Andrea und Paul eine Entdeckungsreise, auch zu sich selbst. „Wir haben diesen Ort verändert, und dabei hat der Ort auch uns verändert.“ 

Berlin und Hoppenrade: zwei Welten, die sich ergänzen

Hinter dem Haus versammeln sich unzählige große und kleine Kübel mit verschiedensten zarten Pflanzensprossen. Die Samen finden beide auf Spaziergängen, bringen sie mit und ziehen sie groß. Ein buntes Feld prächtiger Stauden zieht sich den Wiesenrand entlang.
Auch Essbares wird gepflanzt, geerntet und verkocht. Ugo, der Sohn von Andrea Müller, studiert in Berlin und kommt gern zu Besuch ins Löwenberger Land. „Nur gekocht wurde früher anders. Jetzt gibt es immer was Ge-sundes, so Rote-Bete-Zeugs“, reklamiert er ab und an.

Auf die Frage, wie es ausgegangen ist, das Experiment auf dem Lande, antwortet die Architektin ohne Zögern: „Gut, es ist sehr gut ausgegangen, und es ist ja auch noch nicht zu Ende. Wir sind glücklich hier. Vor allem in dem großen Raum, in dem wir so unmittelbar an dem Wahnsinn draußen teilnehmen können. Berlin zum einen und Hoppenrade zum anderen – das sind zwei Welten, die sich ergänzen.“

Daten & Fakten

Baujahr: 1913
Umbau: Juni 2013 bis ­Februar 2014  
Bauweise: Ziegelmauerwerk, ­Lehmputz
Heizung: Holzvergaserheizung, Gaszentralheizung und Grund­ofen, Kaminofen im Schlafzimmer, ­Fußbodenheizung im EG, Heizkörper im OG, Solarthermie
Wohnfläche: vorher 200 Quadrat­meter, nachher 170 Quadratmeter
Grundstück: 3.700 Quadratmeter
Architektur: Andrea Müller, Architektin, Büro zum Umbau, www.metabolo.de, und Paul Röhling, Bauinge­nieur, Architektenbüro Hacke & ­Röhling, www.hacke-roehling.de

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