Gartenplanung

Medizin aus dem Garten

Viele Gartenpflanzen haben eine zweite, fast vergessene Seite: als Gesundmacher

Foto: Flora Press

Die Romanische Hausapotheke: Roter Sonnenhut (dunkelrosa), Schafgarbe (lachsrosa), Indianernessel (violett) und Duftnessel (lila) machen eine gute Figur im Sommerbeet – und einen hervorragenden Hustentee Foto: Flora Press

Der berühmteste Arzt der Welt besaß keinen Rezeptblock. Wenn Hippokrates von Kos zu einem Patienten gerufen wurde, griff er in eines der Leinenbeutelchen, die er am Gürtel trug. Schwertlilienwurzeln oder Pfingstrosensamen, Eibisch, Baldrian und pulverisierte Hagebutten: Sein pharmakologisches Arsenal war die Ernte des heißen Mittelmeersommers. Jahrhundertelang war das Wissen um die Heilwirkung von Pflanzen Kerngeschäft der europäischen Ärzte. Und die Heilkunst von Antike und Mittelalter hat unsere Gärten geprägt. Vieles von dem, was wir heute für Schmuckstauden oder Küchenkräuter halten, wurde ursprünglich einmal kultiviert, um Kranke gesund zu machen.

In der antiken Apotheke fanden sich sehr viele unserer heutigen Küchenkräuter: Koriander sollte gegen Würmer und Basilikum gegen Erektionsschwäche helfen. Vor regelmäßigem Genuss warnten die alten Ärzte allerdings ausdrücklich: Das würde das Augenlicht (Basilikum) beziehungsweise den Verstand (Koriander) eintrüben. Andere Klassiker der Pflanzenmedizin werden heute noch so verwendet wie vor Hunderten von Jahren. Die betäubende Schwertlilienwurzel („Veilchenwurzel“) gibt man zahnenden Babys. Eibischumschläge helfen gegen Akne, Baldriantee beruhigt, und die Hagebutten der paneuropäischen Hundsrose sollen Genesende schneller fit machen.

Auch der Verarbeitung kommt eine wichtige Bedeutung zu Foto: Fotolia

Auch Unkraut kann Heilkräfte haben

Wer sich in seinem Garten gut auskennt, der kann sich den Gang zur Apotheke oft sparen. Gerade bei den kleinen Malaisen des Alltags – Kopfweh, Erkältungen, Stressprobleme – helfen die alten Kräutermittel oft genauso gut wie pharmakologische Produkte. So war in deutschen Bauerngärten die Ringelblume ein gern gesehener Gast, weil man aus ihr eine der besten Salben gegen in Stall und Feld geschundene Haut herstellen kann. Man schmelze etwas Schweineschmalz und lasse eine Handvoll Blüten etwa eine Stunde lang darin ziehen. Heute wird das Rezept oft mit einer Mischung aus Olivenöl und Bienenwachs abgewandelt – das kosmetische Produkt riecht dann deutlich besser, kuriert rissige Haut aber ebenso gut. Bei Erkältungen kamen vor allem Malvenarten wie Eibisch oder Stockrose zum Einsatz: Ihre Blüten, Blätter und Wurzeln werden in lauwarmem Wasser einige Stunden lang eingeweicht. Die so ­extrahier­ten Pflanzenstoffe verflüssigen hartnäcki­gen Schleim in den Atemwegen und beugen so Nasennebenhöhlenentzündungen und Bronchitis vor.

Viele bewährte heimische Heilpflanzen werden heute eher gejätet als angebaut. Dabei waren früher Löwenzahn gegen schwere Beine, Brennnesseln gegen Blasenentzündungen und Schöllkraut bei Leberentzündungen im Dauereinsatz. Sogar das hartnäckigste der heimischen Unkräuter war Teil der Pflanzenapotheke: Gierschsaft wurde gegen Gicht verabreicht.

Die Rinde der Silberweide lindert Schmerzen und senkt Fieber Foto: Flora Press

Moderne Wirkstoffe mit pflanzlichen Ahnen

Noch heute stammt ein Großteil der Wirkstoffe in modernen Tabletten und Salben aus den alten Heilpflanzen: Die Schmerzstiller Aspirin und Morphium leiten sich aus Silberweidenrinde oder Schlafmohnsaft her. Dass es einen modernen Nachfolger für eine alte Heilpflanze gibt, ist ein gutes Zeichen für deren medizinisches Können.

Mit Öl oder Wasser die wirksamen Pflanzenbestandteile zu isolieren – diese einfachen chemischen Methoden wendeten auch schon die alten Kräuterärzte an. Die heutige Pharmakologie hat sie so verfeinert, dass aus der Pflanze der pure Wirkstoff gewonnen werden kann. Weil mit der höheren Dosis allerdings auch die Wahrscheinlichkeit für unerwünschte Nebenwirkungen zunimmt, macht es für viele Menschen heute wieder Sinn, bei leichtem Unwohlsein eher die milderen Pflanzenmittel zu verwenden.

Pflanzlich heißt nicht harmlos

Doch Vorsicht: Pflanzlich und „natürlich“ bedeutet nicht gleich harmlos. Viele Arzneipflanzen sind gleichzeitig Giftpflanzen. Die Bandbreite reicht von Pflanzen wie dem Herzheilmittel Fingerhut, der schon bei leichter Überdosierung den Patienten aus dem Stand töten kann, bis zu Gewächsen à la Schafgarbe, die wunderbar gegen alle möglichen Arten von Bauchweh hilft, aber nicht über längere Zeit und in zu großer Menge genossen werden sollte, weil sie Allergien auslöst. Auch die hippokratische Pfingstrosenwurzel ist nicht zur Selbstmedikation geeignet. Zwar wirken die darin enthaltenen Alkaloide zum Beispiel bei Regelschmerzen krampflösend, zu viel davon löst aber schwere Übelkeit aus.

Früher behandelte man auch lebensbedrohliche Erkrankungen wie Lungenentzündungen ausschließlich mit Pflanzenarzneien – weil es nichts anderes gab. Damals starben viele Patienten trotz Arznei. Wenn es ernst wird, ist es auf jeden Fall Zeit, vom Garten in die Apotheke zu wechseln.

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