Neubauplanung

Barrierefrei bauen: ein Beispiel aus der Praxis

Ein komplett barrierefreies Haus, ausgestattet mit allen Schikanen – im Münchner Osten hat sich ein Ehepaar diesen Traum vom idealen Wohnen erfüllt

Foto: Arnt Haug

Ein besonderer Clou des Hauses ist der Autolift für die eigene Tiefgarage Foto: Arnt Haug

Weil Walter Kürzls Frau im Rollstuhl sitzt, bezeichnet er sich selbst als Fußgänger. Und hat damit die Lebenssituation des Paares kompakt zusammengefasst. Denn während er sich im Alltag frei bewegen kann, ist Marion Geiger von den Gegebenheiten der Umgebung abhängig.
Um diese im eigenen Haus möglichst optimal zu gestalten, verwirklichten beide ihren Traum vom komplett barrierefreien Haus im Osten von München. Was so einfach und konsequent klingt, war allerdings mit viel Aufwand und Einsatz verbunden.

Großzügige Flächen im Außenbereich sorgen für einen problemlosen Zugang Foto: Arnt Haug

Sich widersprechende DIN-Normen

Zwar kennt sich Kürzl als ehemaliger IT-Leiter auf Großbaustellen mit anspruchsvollen Projekten aus. Trotzdem war er so manches Mal überrascht, welche Fallstricke er bei der Planung im Jahr 2013 umgehen musste. „Für die Barrierefreiheit“, so resümiert der 69-Jährige, „gibt es diverse DIN-Normen. Die widersprechen sich  aber zum Teil. So ergibt sich die Höhe der Arbeitsplatte aus der Unterfahrbarkeit von Herd und Spüle. Dann ist aber die Arbeitshöhe, zum z.B. zum, Gemüseschneiden, für Rollstuhlfahrer zu hoch.“ Entmutigen ließ sich das Paar von solchen Hindernissen nicht, im Gegenteil. Gemeinsam mit einem Archi­tekten ging es an die umfassende Planung, die schon bei der Gebäudehülle begann. Einschalig und aus Ytong-Steinen erfüllt sie offiziell den Kfw-70-Standard, reicht laut Kürzl aber locker an die Kfw-55-Bestimmungen heran.

Viele kleine Details wie zum Beispiel ausfahrbare Arbeitsflächen erleichtern Marion Geiger den Alltag Foto: Arnt Haug

Smart Home und Autolift

Fortschrittlich waren auch die Ideen für den Innenbereich. Von einer Haussteuerung, über die sich von der Heizung bis zu den Jalousien alles regeln lässt, bis hin zu Schaltern und Sensoren, die ohne Batterie oder Strom funktionieren, reicht die Palette der Installationen. Bei der Verwandlung in ein Smart Home, in dem sich zum Beispiel die Schalter überallhin mitnehmen lassen, war es sicher von Vorteil, dass Kürzl als gelernter Fernmelde- und Nachrichtentechniker tief in der Materie drin war.

Vorausschauend war auch die Aufteilung des Hauses. Zusätzlich zu den rund 360 Quadratmetern Wohnfläche umfasst das Gebäude noch eine separate Einliegerwohnung. „Sollte meine Frau einmal pflegebedürftig werden“, so Kürzl, „dann haben wir den entsprechenden Platz für die Betreuung.“ Viel Platz, möchte man meinen, aber das sind die typischen Gedanken von „Fußgängern“. Wer auf den Rollstuhl angewiesen ist, für den sind breite Durchgänge, glatte Ebenen und großzügige Flächen eine enorme Erleichterung. Platz ist hier Notwendigkeit, zum Fahren und Drehen benötigt ein Rollstuhl einen Wendekreis von 1,5 Metern. Weil eine auf diese Bedürfnisse ausgerichtete Garage über die Grundstücksgrenzen hinausgegangen wäre, wurde das Geschehen einfach in die Tiefe verlegt. Jetzt erfolgt der Ein- und Ausstieg zwar auch überdacht, wird der Wagen aber nicht gebraucht, verschwindet er per Autolift in der eigenen Tiefgarage.

Eine Heizung, die auch kühlt

Aus der Tiefe bezieht das Ehepaar Kürzl/Geiger auch einen Teil seiner Energie. Über eine Grundwasser-Wärmepumpe wird das Wasser für die Heizung erhitzt. Diese, und das ist ebenfalls ein interessantes Detail in dieser an technischen Finessen reichen Immobilie, befindet sich in der Decke. „Eine Deckenheizung“, so Kürzl, „hat zwei Vorteile: Sie haben keine Heizkörper im Raum stehen, und im Sommer kann das System das Haus auch kühlen.“ Als Back-up für besonders strenge Wintertage bzw. für die Warmwasseraufbereitung, wenn durch die Wärmepumpe gekühlt wird, steht noch eine kleine Gastherme zur Verfügung. Für die Stromversorgung ­wurde auf dem Dach eine Photovoltaik­­anlage mit einer Leistung von 9,7 kW installiert – inklusive Pufferspeicher und Möglichkeit der Resteinspeisung.

Marion Geiger und Walter Kürzl waren an der Planung und Ausführung ihres Hauses aktiv beteiligt Foto: Arnt Haug

Wichtig: ein baubegleitender TÜV

Viel Planung, viel Technik und natürlich viele Fragen, die geklärt werden mussten. Wie verliert man da nicht den Überblick? „Wir hatten einen baubegleitenden TÜV“, erzählt Kürzl, „der in verschiedenen Bauphasen dabei war.“ Der nahm unter anderem auch die sieben im gesamten Haus vorhandenen Elektroverteiler und -zähler
ab. Wozu so viele? „Man weiß ja nie, was kommt“, sagt Kürzl. „Auf jeden Fall können wir jedes der drei Stockwerke aufgrund der technischen Vorleistungen zu einer eigenen, separaten Wohnung machen.“

Bei allen praktischen Ansätzen und Realisierungen darf es natürlich an Komfort nicht fehlen. Hobbykoch Kürzl hat sich eigens eine kleine Kühlzelle einbauen lassen, ein kleines Heimkino bietet Platz für gesellige Runden, und das Bad besteht komplett aus Natursteinen. Dann wäre ja alles komplett und perfekt, oder? „Ja“, bestätigt Kürzl. „Sogar die Sprachsteuerung funktioniert, so dass meine Frau jetzt im gesamten Haus die Smart-Home-Funktionen nutzen kann.“

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