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Wohnen | Statement

Unordnung als Vorsatz: Ein Plädoyer gegen Minimalismus

Michael Penquitt

Minimalismus ist für unseren Autor das genaue Gegenteil eines entschleunigten Lebensstils. Wieso er dieses Jahr das Chaos einfach mal sich selbst überlassen will, erklärt er hier.

Den Start ins neue Jahr, erst recht den Beginn eines neuen Jahrzehnts nehmen viele Menschen zum Anlass, sich neue Ziele zu setzen. Um die zu erreichen, legen wir uns Maßnahmen zurecht, die wir in den kommenden Monaten (am Ende sind es doch eher nur Wochen) zum festen Bestandteil unseres Lebens machen wollen. "Mit dem Rauchen aufhören" gehört zu den klassischen Neujahrsvorsätzen. Auch "mehr Sport machen", "gesünder essen" und "abnehmen" stehen hoch im Kurs. Generell sind es offenbar die mentale und körperliche Gesundheit, die uns zur Selbstoptimierung treiben.

Gegen einen bewussteren Umgang mit sich selbst und dem Umfeld ist auch nichts einzuwenden. Doch seit längerer Zeit gewinne ich den Eindruck, dass das Glücklichsein scheinbar zwangsläufig nur mit einem möglichst minimalistischen und aufgeräumten Lebensstil einhergeht. Auch hier bei Wohnglück helfen wir euch immer wieder mit Tipps zum Aufräumen und Ausmisten. Nicht zuletzt basiert die Faszination für Tiny Houses darauf, sich von vermeintlich überflüssigen Eigentum zu trennen. Das alles ist angeblich Bestandteil des Slow Living, eines entschleunigten Lebens.

Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn zu Jahresbeginn mindestens genauso viele Menschen mit Notizblock vor den Bildschirmen sitzen und Marie Kondos Ratschlägen bei Netflix folgen wie im Fitnessstudio versuchen, die Weihnachtskilos von den Hüften zu strampeln. Wen genau das tatsächlich glücklich macht, der weiß bereits, was er oder sie jetzt zu tun hat und kann an dieser Stelle aufhören zu lesen. Ich selber musste aber mittlerweile feststellen, dass eine blitzsaubere, aufgeräumte Wohnung, in der nur das Allernötigste Platz findet, das Gegenteil bewirkt: Stress. Denn ein perfekt aufgeräumter Haushalt erwartet, aufgeräumt zu bleiben.

Ein Leben wie in einer Kaserne

Ich bin in einem Haushalt groß geworden, in dem bevorzugt mehrmals die Woche der Boden gesaugt wurde. Jedes Wochenende wurde ein Putzplan aufgestellt, neben dem der Frühjahrsputz der meisten anderen Haushalte verblasst. Gäste, die sich spontan ankündigten, wurden nur höchst ungern in die Wohnung gelassen, wenn das Staubtuch zuletzt vor mehr als drei Tagen im Einsatz war. Als ich irgendwann in meine eigene Wohnung zog, habe ich diese alten Gewohnheiten zunächst beibehalten. Und das obwohl mich niemand mehr zum pedantischen Putzen verpflichtete und ich diesen Zeitvertreib schon immer verabscheute. Selbst die Einrichtung blieb spartanisch, um mir das Aufräumen und Putzen leicht zu machen.

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Glücklich machte mich dieses ständige Hinterherräumen und Wischen nicht. Auch leere Wände, die aus reinem Selbstzweck kahl bleiben, erwecken in mir keine Freude, sondern Beklemmung. Will ich wirklich meine Lebenszeit damit verbringen, meinen Kleiderschrank nach Farben zu sortieren? Oder Vorher-Nachher-Fotos zu machen, um mir vor Augen zu führen, wie viel cleaner alles nach getaner Arbeit ist?

Wenn alles vermeintlich Überflüssige aussortiert ist und ihr euch ein System überlegt habt, wo genau welcher Gegenstand hingehört, beginnt die eigentliche Arbeit erst. Dann müsst ihr in der Praxis beweisen, dass das System funktioniert, dass euer Vorhaben nicht bloß aus leeren Worten besteht. Die Ordnung will aufrechterhalten werden. Erst mit den Jahren habe ich gelernt, ein wenig loszulassen. Schließlich lebe ich nicht in einer Kaserne.

Unordnung kurbelt die Kreativität an

Das Bild von einer zu jeder Zeit perfekt aufgeräumten Wohnung ist völlig unrealistisch und verhilft zumindest mir nicht zum Glück. Das Gefühl, immer noch etwas erledigen zu müssen, und sei es nur das Aufräumen des Kleiderstuhls im Schlafzimmer, ist eher belastend, als dass es wirklich in irgendeiner Hinsicht helfen würde. Deswegen soll es dieses Jahr bei mir in die genau entgegengesetzte Richtung gehen: Jetzt ist "la dolce vita" angesagt. Wenn ich gerade lieber die Füße hochlege, als die Wäsche abzuhängen, dann mache ich das. Der Wäscheständer kann auch einen oder zwei Tage länger stehen bleiben. Die Welt geht davon nicht unter.

Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was repräsentiert dann ein leerer Schreibtisch?

Zitat, das Albert Einstein zugeordnet wird

Und: Statt Dinge rauszuwerfen (das habe ich im vergangenen Jahr schon hinter mir), sollen wieder mehr Gegenstände dazukommen. Die vielen Bücher, die aktuell noch im Keller in Kartons lagern, sollen sich bald wieder im Wohnzimmer in einem schönen Bücherregal präsentieren. An den teilweise noch immer leeren Wänden will ich im Laufe des Jahres mehr Bilder aufhängen. Vielleicht sogar in Form einer Petersburger Hängung – die verleiht dem Raum durch seine scheinbare Unordnung eine kreative Atmosphäre, die der Wohnung noch fehlt.

Minimalismus ist nicht entschleunigend

Wenn ich die unzähligen Instagram-Posts sehe, auf denen Menschen aus der ganzen Welt stolz ihre minimalistisch eingerichteten Wohnungen in Szene setzen, denke ich daran, wie schrecklich unpersönlich die Einrichtung ist. Ich erkenne darin nichts Inspirierendes. Mir fällt höchstens auf, dass die Wand mal wieder gestrichen werden könnte, weil das Weiß schon mal weißer war.

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Eine Wohnung, die wirkt, als würde darin tatsächlich jemand wohnen und deren Einrichtung visuelle Anker setzt, kurbelt dagegen die Ideen an. Dann verliere ich mich auch gerne in meiner Gedankenwelt. Wenn das mal kein Slow Living ist.

Umweltfreundliches und nachhaltiges Leben

Die ökologische Nachhaltigkeit soll von meiner Abneigung gegen einen minimalistischen Lebensstil unberührt bleiben. Es ist an der Zeit, dass wir uns alle zusammenreißen und lernen, im Einklang mit der Natur zu leben. Deshalb befassen wir uns hier bei Wohnglück immer wieder mit unterschiedlichen Aspekten des nachhaltigen Bauens und Wohnens. Für Tipps, Hilfestellungen und Ratschläge schaut auf unserer eigens zu diesem Thema eingerichteten Seite vorbei:

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