Holzhochhaus_Wien
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Bauen | Homestory

HoHo: Wie Wien das Rennen ums höchste Holzhochhaus der Welt verlor

Albert Linner

Das HoHo Wien sollte das höchste Holzhochhaus der Welt werden – doch eine norwegische Kleinstadt trickste sich ganz nach oben. Wie es dazu kam und und worum es dem Wiener Architekten Rüdiger Lainer wirklich geht.

Die besten Kaffeehäuser, der schwärzeste Humor – Wien ist eine Stadt mit vielen Titeln. Der britische "Economist" kürte die österreichische Hauptstadt gar im zweiten Jahr nacheinander zur lebenswertesten Stadt der Welt. Auch mit dem Titel für das höchste Holzhochhaus der Welt wollten sich die Wiener schmücken.

Doch am Ende ist daraus nichts geworden. Stattdessen steht das höchste Holzhaus der Welt nun in einer aufmüpfigen norwegischen Kleinstadt namens Brumunddal. Wie konnte das denn bitte passieren?

Als mit dem Bau des Holzhochhauses, kurz: HoHo, in der Wiener Seestadt Aspern 2016 begonnen wurde, wähnten sich die Österreicher noch auf Kurs. Auf 84 Metern sollten 24 Stockwerke mit Appartements, Hotels und Büroflächen entstehen. So hoch hatte sich weltweit bis dahin noch niemand mit dem Naturbaustoff hinausgewagt.

Höchstes Holzhochhaus: Brumunddal übertrumpft Wien

Zunächst auch nicht die norwegische Konkurrenz. Denn ursprünglich sollte das norwegische Holzhaus Mjøstårnet – benannt nach dem Fluss, an dem es steht – nur 81 Meter hoch werden. Doch ein paar Monate vor der Fertigstellung änderten die Norweger die Pläne.

Kurzerhand entschloss man sich in Brumunddal, die Höhe nach oben zu korrigieren. Mit einem Aufbau erreicht das Mjøstårnet nun eine Höhe von 85,4 Metern – und ist damit knapp eineinhalb Meter höher als das HoHo Wien. Im März 2019 wurde das norwegische Hochhaus nach nicht einmal zwei Jahren Bauzeit eingeweiht, das Rennen um das höchste Holzhaus der Welt gegen Wien war gewonnen.

HoHo Wien gilt nicht als Holzhochhaus

Dabei wäre der Aufbau gar nicht nötig gewesen. Denn kurz nachdem es fertig war, ernannte der "Council of Tall Buildings and Urban Habitat" (CTBUH), der die höchsten Gebäude der Welt kürt, das Mjøstårnet nicht nur zum höchsten Holzhaus der Welt, sondern änderte auch die Voraussetzungen dieser Kategorie: Sie verlangt jetzt eine reine Holzstruktur.

Und damit ist das Wiener HoHo raus aus diesem Rennen. Denn anders als das Haus in Norwegen hat es einen Betonkern, es ist ein sogenanntes Hybridhaus.

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HoHo-Architekt Lainer: "Hybridbau ökonomisch und ökologisch sinnvoller"

Für Rüdiger Lainer vom für das HoHo verantwortlichen Büro RLP Rüdiger Lainer + Partner in Wien ist es aber ohnehin wenig erstrebenswert, ein reines Holzhochhaus zu bauen. "Ich bin überzeugt, dass das Prinzip des Hybridbaus ökonomisch und ökologisch sinnvoller ist", sagt Lainer im Gespräch mit wohnglück.de.

Beim Hybridbau, genauer gesagt der Holzhybridbauweise, werden Holz und Beton miteinander kombiniert. Die beiden Materialien übernehmen die statischen Lasten dabei gemeinsam. Für Lainer geht es beim Hybridbau darum, ein Holzbausystem in eine effiziente Gebäudestruktur zu integrieren. Die Vorteile beider Baustoffe kämen so am besten zum Tragen.

Beim HoHo sollen aussteifende Betonkerne der Erschließung in die Höhe dienen und außerdem Treppenhaus und Aufzugschächte stabil machen. Die Holzbau-Konstruktion liefert das Volumen des Gebäudes. "Jedes Material wird so eingesetzt, dass es jeweils am besten den unterschiedlichen Anforderungen an Statik, Brandschutz, Flexibilität, Ökonomie und Raumqualität entspricht", sagt Lainer.

Bedauerlich, wie träge die großen Baufirmen auf die Anforderung der Zukunft reagieren.

Architekt Rüdiger Lainer

Baustoff Holz: Die Vorteile sind vielfältig

So kommt das HoHo Wien insgesamt auf einen Holzanteil von rund 75 Prozent ab dem Erdgeschoss, wo noch besonders viel Beton eingesetzt wurde. Wesentlich sei für die Architekten auch die "sinnliche Wirkung des Holzes" bei Decken und Außenwänden gewesen, sagt Lainer.

Neben dieser sinnlichen Wirkung und der Wohlfühlatmosphäre, die das Naturmaterial Holz erzeugt, hat es als Baustoff vor allem einen Vorteil: Es ist sehr umweltfreundlich. Zum einen ist Holz ein nachwachsender Rohstoff. Die im HoHo verbauten 3.600 Kubikmeter Holz wachsen in nur einer Stunde und 17 Minuten in österreichischen Wäldern nach, das haben die Verantwortlichen berechnet. Außerdem soll das verwendete Holz sogar PEFC-zertifiziert sein.

Die Herstellung von Bauprodukten aus Holz benötigt außerdem weit weniger Energie als die Produktion von Stahl und Beton. Diese Materialien sind sehr energieaufwendig. So sehr, dass die Baubranche aktuell für 40 Prozent des weltweiten Ressourcenverbrauchs und für 30 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich ist. Durch vermehrtes Bauen mit Holz würde die Baubranche ihren Klimafußabdruck also deutlich verkleinern.

Holzhochhaus-Bau boomt weltweit

Außerdem speichert Holz auch CO2, nachdem es gefällt ist. Zwischen 40 und 100 Jahren kann der Kohlenstoff im Inneren des Materials gebunden werden. Somit leisten Holzhäuser, besonders in Städten, einen Beitrag für ein besseres Klima.

Die Nachhaltigkeit des Materials ist auch der wichtigste Grund dafür, wieso Holz als Baustoff gerade eine Renaissance erlebt. Das HoHo Wien und das Mjøstårnet werden wohl bald Gesellschaft bekommen. Denn überall auf der Welt planen Architekten Hochhäuser aus Holz – oft auch als Hybridbau. Dieser Boom ist auch ein Grund, wieso der CTBUH die Richtlinien für Holzhochhäuser geändert hat. Und sich die frechen Norweger wohl nicht ewig über ihren Rekord freuen dürfen.

Für Architekt Rüdiger Lainer hat Nachhaltigkeit aber nicht nur etwas mit den Materialien zu tun. Es geht auch darum, langfristig effiziente Strukturen zu schaffen. Im Klartext heißt das: Das Gebäude muss variabel bleiben und auch in ein paar Jahrzehnten an neue Bedingungen und Ansprüche angepasst werden können.

Deshalb gilt für Lainer auch der Anspruch an den Standort eines Holzhochhauses: "Der muss auf die unterschiedlichen stadtraumlichen Bedingungen reagieren können – und langfristig variabel sein." So könnten die Gebäude vielfältig genutzt werden – und seien damit wirklich nachhaltig. Auch das ist eine Wirkung, die sich durch den Baustoff Holz ergibt: Weil keine aussteifenden Zwischenwände notwendig sind, ist es möglich, nachträglich den Grundriss zu ändern.

Einfach konzipieren, einfach vermitteln, einfach bauen

Architekt Rüdiger Lainer

HoHo Wien als Vorbild für andere Städte

Ein weiterer Vorteil des Hybridhauses ist für Lainer die Tatsache, dass die Holzelemente des Gebäudes schon fertig an die Baustelle geliefert werden: "Der hohe Grad an Industrialisierung und Vorfertigung der Elemente" könne den Bauprozess beschleunigen und mache so effizientes, schnelles Bauen "mit höchster Qualität möglich".

Trotz der vielen Vorteile, die das Bauen mit Holz bietet, ist es noch nicht wirklich breit in der Branche angekommen. "Es ist aktuell noch nicht selbstverständlich, großvolumig mit Holz zu bauen", sagt Lainer. Seit Jahrzehnten beschwöre die Branche das Ressourcen schonende Bauen, das mit Holz so einfach realisierbar wäre. "Es ist erstaunlich und bedauerlich, wie träge die großen Baufirmen auf diese Anforderung der Zukunft reagieren."

Dabei sei es eigentlich ganz einfach, so ein Holzhochhaus zu bauen. Lainer rät: "Einfach konzipieren, einfach vermitteln, einfach bauen – damit wird auch das Ungewohnte vorstellbar."

Ein Rat, der ankommt: Das HoHo gilt international als Vorzeigeobjekt, andere Städte wie München nehmen sich das Gebäude zum Vorbild. Wien muss sich keineswegs grämen, dass das höchste Holzhaus der Welt woanders steht.

Informationen zum HoHo Wien

  • Baubeginn am 12. Oktober 2016, Erstbezug Ende 2019, Fertigstellung 2020
  • Standort: Seestadt Aspern (22. Bezirk Donaustadt), direkt an der Wiener U2-Station Seestadt
  • 24 Stockwerke, 84 Meter hoch, 25.000 Quadratmeter Bruttogesamtfläche, 19.500 Quadratmeter Mietfläche
  • Gewerbliche Mischnutzung durch Apartments, Hotel, Büroflächen, Restaurant sowie Wellness-Bereich
  • Holzanteil beim verwendeten Baumaterial: 75 Prozent (unter anderem 800 Holzsäulen aus österreichischer Fichte)
  • Eigentümer: Immobilieninvestor Günter Kerbler
  • Baukosten: Investitionssumme beträgt rund 75 Millionen Euro

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